Eine Fußnote 

In der Mitte seines bemerkenswerten Artikels (SZ vom 5./6. Januar 2010, S. 14) bemängelt E. Krippendorf, dem Buchautor sei die Neville-These nicht einmal eine Fußnote wert gewesen.

Diese Fußnote wäre überflüssig gewesen:

In einem Punkt kann man nicht einverstanden sein: in der viel zu milden Einschätzung der Neville-These. Beim Verfolgen deren Entstehung aus der Nähe war von einem US-Bekannten, der den Namen des Kandidaten schon kannte, zu erfahren, der Kandidat sei kurze Zeit Botschafter in Frankreich gewesen und seine Lebenszeit deckte sich mit der Shakespeares aus Stratford. Damit wusste man ein Jahr vor Erscheinen des Buches genug. Eine Liste der englischen Botschafter in Frankreich während der elisabethanischen Zeit und deren Geburts- und Sterbedaten zeigte: Nur Sir Henry Neville kam in Betracht. Damit war auch schon ziemlich der simple Trick klar:

Behaupte die Richtigkeit der orthodoxen Chronologie und ersetze Shakespeare aus Straford durch einen Hofmann, dessen Lebensspanne sich mit der des Mannes aus Stratford deckt. Und mehr ist an der Neville-These nicht dran.

Das Hauptverdienst für einen gewissen Erfolg ist nicht den beiden Autoren, Brenda James und Bill Rubinstein, zuzuschreiben, sondern Frau Rubinstein. Nicht dass sie die wahre Verfasserin wäre, sondern sie hat gute PR, konnte auch wohl Mark Rylance für eine Vorstellung im Globe gewinnen, aber das ist auch keine so große Kunst, denn Mark Rylance, der von der Problematik sachlich nicht viel weiß, ist für jeden neuen Kandidaten dankbar, da so etwas für seinen Authorship Trust nur gut sein kann, wenn er jedes Jahr einen neuen Kandidaten ins Spiel bringen kann. Aber die vorläufig letzte Demaskierung ist Neville nicht. Zuletzt war das noch Sir Fulke Greville. Und vor Greville, vielleicht auch kurz danach, war Emilia Lanier, geb. Bassano.

(Die nächste These wird dann vielleicht eine Zusammenarbeit zwischen Emilia Lanier und John Florio sein. Und für Mark Rylance sieht es wirklich sehr gut aus. Da sind doch noch so viele. Sir Walter Ralegh wartet darauf, wieder aktiviert zu werden. Da ist noch der Earl of Northumberland - der wird auch irgendwann noch kommen, Sir Henry Wotton, langjähriger Botschafter in Venedig. Wenn das allein nicht schon ausreicht! Der wird ganz gewiss noch kommen.)

William Rubinsteins Methodologie ist unfehlbar.

Über Monate haben er und andere, mit ihm innerhalb einer E-Mail-Gruppe diskutiert. Rubinstein redet und hört nur sich selbst zu. Das ist vielleicht in unserer Zeit keine Seltenheit. Also konnte man ihn noch so oft und gründlich darauf hinweisen, dass die orthodoxe Chronologie nicht stimmen kann, er hörte es nicht und konnte dann auch nichts erwidern, dafür ungestörter seine Überzeugung verkünden. Bei der nächsten Parade stürzte er ab. Neville hätte erst Komödien geschrieben, wäre nach seiner Verhaftung wegen Mitwisserschaft an der Essex-Rebellion pessimistisch geworden und hätte danach nur noch Tragödien geschrieben. Das vertrug sich sogar mit der orthodoxen Chronologie nicht mehr!

© R. Detobel