Ein Etikettenschwindel, nicht von Shake-Speare

Die Studiobühne spielt Horst Jüssens „Verlorene Liebesmüh"

von Frank Piontek

„Oh, schwacher Witz!"

Love's labours lost, 5. Akt, 2. Szene

Es stinkt - nach Räucherstäbchen. Da steckt schon der Fehler drin, denn das Vorspiel müffelt auch konzeptionell. Wieso sollten die drei buddhistischen Höflinge nur - wie in der ersten Szene gezeigt - widerwillig den weltabgewandten Pakt eingehen, da sie doch alle drei als ernsthafte Zen-Schüler eingeführt werden? Bei Shake-Speare liest man's anders: also richtig.

Gespielt wird nämlich ein Stück, das unter einem definitiv falschen Autornamen seit Samstagabend im Theater der Eremitage läuft: „Verlorene Liebesmüh", ein Stück von Horst Jüssen nach wenigen Ideen von Shake-Speare, verfasst also vom „Klimbim"-Schauspieler nach einigen wenigen Motiven der Komödie „Love's labours lost", die, vermutlich, Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford als wahrer „Shake-Speare" um 1580 geschrieben hat. Von Oxfords Komödie ist hier keine einzige Zeile übrig geblieben, Jüssen hat 9 Rollen - darunter einige Hauptrollen wie den unvergleichlichen Don Armado - ersatzlos rausgeworfen, er hat auch sämtliche (in Klammern: sämtliche) Sprachwitze gestrichen, um derentwillen das intelligente Stück auch von den Shake-Speare-Liebhabern geliebt wird. Das, was nun als „Liebes-Handlung" übrig geblieben ist, ist die völlig vereinfachte, um wichtige Handlungsstränge, um den falschen Moskowiterbesuch und das „Heldenspiel" der Narren (der „Sommernachtstraum" ist immerhin nicht fern) gekappte, allzu simple Handlung, die im zweiten Teil mit ihren primitiven Missverständnissen und „Verwicklungen" so vorhersehbar ist, dass er schier spannungslos verläuft.  „Verlorene Liebesmüh" sei, so die Regisseurin Birgit Franz, nun „leichter verständlich". Irrtum: Shake-Speares Stück ist nicht unverständlich, sondern nur höchst anspruchsvoll - und erzkomisch - in seiner Mischung aus elaborierter Sprachkomik und lehrreich tiefsinniger Liebeshandlung. Jüssens Stück aber ist ein Angriff auf die Sprachgewalt des klugen Earls, auf die Differenziertheit seiner Liebesmetaphysik - man vergleiche nur einmal die Schlüsse der beiden Stücke: hier die melancholische, mehrfache Begründung, wieso ein Jahr Trennung zwischen den Verliebten Not tut, dort ein billiger Hinweis auf dumme Ressentiments und klischeehafte Ehestreitigkeiten. 1988 brachte die „Studiobühne [...] das Stück als zauberhafte Inszenierung in der Originalfassung heraus; wieso nur sollte es heute in dieser Fassung nicht mehr taugen?

Mit einem Wort: zur Aufführung kommt ein Etikettenschwindel, der unter dem Tarnnamen „Shakespeare" antritt, also ein Stück des mitnichten geschickten „Bearbeiters". Noch einmal: hier liegt keine Bearbeitung, sondern ein neues, ungleich schwächeres Stück vor, dem die Regie und die Schauspieler an Witz und Poesie nicht aufhelfen können. [...] So wird aus Groß Klein, aus verbaler Brillanz schwache Rhetorik, aus obsessivem Wortwitz abgestandene Altherrenkomik. [...] Das Publikum, das soll nicht verschwiegen sein, ist begeistert und gibt gelegentlich Szenenapplaus, Rosaline hätte vielleicht den „nicht'gen Beifall" bemerkt, „den schal Gelächter stets dem Narren zollt." Für ein Stück von Horst Jüssen mag das „ganz nett" sein; für das angekündigte, doch ausgefallene Stück von Shake-Speare ist es definitiv zu wenig.