Sir Roger Pernrose: ein „Spökenkieker“. *)

*) Ein bekannter deutscher Shakespeare-Übersetzer bezeichnet alle, die die Autorschaftsfrage ernst nehmen, als „Spökenkieker“.

Anfang der 1980er Jahre — ich war gerade dabei, Freuds „Traumdeutung“ durchzupflügen, und war da in einer Fußnote auf den Namen Looney gestoßen — Sie wissen ja, den englischen Schulmeister, der 1920 das literaturwissenschaftliche Establishment  mit seiner These, Edward de Vere, 17. Graf von Oxford, sei der wahre Verfasser von Shakespeares Werken, ge- und verärgert hatte; Sie wissen ja, den Mann mit dem komischen Namen „Looney“, was ja verrückt heißt, worauf hinzuweisen so mancher Anglist nicht widerstehen konnte, ja heute noch nicht widerstehen kann. Der Name soll jedoch gälischen Ursprungs sein und „Loney“ ausgesprochen werden.

Sigmund Freud aber beeindruckte John Thomas Looneys Buch sehr.

Mich hat es damals auch beeindruckt, ja überzeugt.

Anfang der 1980er Jahre war das Buch nur wenigen bekannt, mir, bis ich auf Freuds Fußnote stieß, ebenso. Auch dann noch war ich nicht sofort bereit, Freud zu folgen. Nicht dass ich es besser gewusst hätte, sondern ich war emotional einfach nicht bereit, den Namen William Shakespeare gegen den Namen Edward de Vere einzutauschen.

Nachdem ich Looneys Buch gelesen hatte, war ich dann doch bereit und fand es nunmehr an der Zeit, die neue Erkenntnis einem breiteren Publikum bekannt zu geben.

Ich habe mehrere Verlage angeschrieben. Einige Antworten habe ich auch erhalten. Ich kann mich nicht mehr an den genauen Inhalt erinnern. Ich weiß nur — ich erinnere, wir schrieben noch die 1980er Jahre — dass alle mit „Hochachtungsvoll" endeten. Der Inhalt, sofern überhaupt ein Inhalt zu erkennen war, war jedoch hochverachtungsvoll.

Vielleicht, dachte ich mir, sollte ich mich an einen unabhängigeren Geist wenden. Und welcher Geist war denn in den 1980er Jahren in Literaturfragen unabhängiger als Marcel Reich-Ranicki!

Ich schrieb, ich bekam eine Antwort. Sie lautete etwa so: „Mir sind Schreiberlinge, die behaupten, Shakespeare hätte nicht schreiben können, immer schon sympathisch gewesen.“

Gerade das nun war der Kern meiner Botschaft: der Mann aus Stratford, dem gemeinhin die Verfasserschaft zugeschrieben wird, war kaum in der Lage, seinen Namen zu schreiben. Das war nach 400 Jahren Shakespeareforschung kein alter Hut, wie es ein Anglist 1994 schrieb, sondern nach 300 Jahren Shakespeareforschung ein ziemlich neuer Hut.

Ich stimmte also mit Reich-Ranicki überein: Es ist absurd zu behaupten, Shakespeare hätte kaum schreiben können. Nur waren wir uneins darüber, wer dieser Shakespeare in Wirklichkeit war.

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Nun hat vor einigen Jahren in einem Interview mit dem Deutsch-Amerikanischen Institut Heidelberg (DAI) ein anderer Forscher dasselbe behauptet. Die Argumente gegen die Verfasserschaft des Mannes aus Stratford scheinen ihm überaus überzeugend. „Die Tatsache, dass eine Person, die keinerlei Bücher besaß und wahrscheinlich Analphabet war, dünkt mir schlagend."

„Glauben Sie, dass es Francis Bacon war?“, fragt der Interviewer.

„Nein“, antwortet Penrose, „ich glaube, dass die These, die mein Vater vertrat, die wahrscheinlichste ist, dass es nämlich Edward de Vere war.“

Roger Penroses Vater, Lionel, war übrigens ein bekannter Psychiater, Genetiker, Mathematiker und Schachtheoretiker. Allem Anschein nach auch kein Spökekieker.

Und worauf stützte sich dann Lionel Penrose, und worauf stützt sich Roger Penrose? Wie Sigmund Freud stützte sich Vater Penrose auf John Thomas Looneys Buch. Sie wissen ja doch noch, den Schulmeister mit dem verrückten Namen.

„Und da war ein Buch, aus dem er seine Inspiration bezog, geschrieben von einem Mann namens Looney, ein etwas unglücklicher Name, weil es suggeriert, dass die ganze Idee verrückt sei, doch mein Vater bestand darauf, den Namen nicht „Looney“ auszusprechen“.

„Aber die These, dass der Verfasser Edward de Vere ist, ist nicht so schlecht … Vor nicht langer Zeit habe ich mir mit meiner Familie Der Sturm angeschaut, und das dünkt mir ein Stück, in dem sich der Verfasser offenbart, und Prospero war deutlich jemand, der zur Aristokratie gehörte, er war nicht jemand, der dem Nichts entstiegen war. Deshalb empfinde ich, dass da etwas dran ist.“

All dies und mehr kann man in den ersten zehn Minuten des Interviews hören:

Robert Detobel