Ein Briefwechsel

Ganz unerwartet erreichte die Redaktion am Jahresende eine Frage zur Autorschaft. Es ergab sich ein kurzer Briefwechsel, den wir hier wiedergeben.

A

Der Band 6 (von „Spektrum Shake-speare", Red.) mit der Schachblume enthält sowohl Angaben zu der ganz grundsätzlichen Frage, wer der Autor der Shakespeare-Werke war, als auch einige sehr spezielle Aspekte zu diesem Thema. An der These festzuhalten, der Autor der Shakespeare-Werke sei der Mann aus Stratford gewesen, ist eigentlich nur peinlich. Dass der Autor der Graf von Oxford war, dürfte inzwischen durch viele Indizien hinreichend bewiesen sein.

Das spezielle Thema mit der Schachblume und die Beweisführung in dem Artikel haben mich fasziniert. Zu den Themen, was mit „Avon“ gemeint ist, und wo sich das Grab von Shakespeare befindet, finde ich die akribischen Nachforschungen auch beeindruckend. Mit scheint vieles, aber noch nicht alles geklärt zu sein. Vielleicht gibt es ja eine plausible Erklärung, die ich nicht kenne.

 Bisher hatte ich den Eindruck, dass der Graf von Oxford deshalb nicht als Autor genannt werden wollte, weil das für ihn als Mann des Adels unpassend gewesen wäre. Nach der Lektüre des Artikels zum „Schwan von Avon“ sieht es aber so aus, dass seine Schauspiele in Avon bzw. Hampton Court aufgeführt wurden, große Anerkennung fanden, insbesondere auch bei Königin Elisabeth und König Jakob. Insofern sehe ich keinen Grund für ihn, nicht als Autor genannt zu werden.

Auch empfinde ich es als wenig plausibel, dass Jonson zwar wusste, dass der Autor der Werke in Westminster begraben wurde, (und zwar nicht als irgendein Adliger, sondern im Poets‘ Corner), er aber dieses Wissen nicht nur der Öffentlichkeit verschwiegen hat, sondern sogar eine falsche Fährte nach Stratford gelegt hat. Wenn er – aus welchem Grund auch immer – sein Wissen nicht sagen durfte, erklärt dies noch nicht seinen Entschluss, eine (wenn auch kryptisch verschlüsselte) falsche Fährte zu legen.

Gibt es dafür eine plausible Erklärung? Irgendwie habe ich den Eindruck, es müsse noch einen ganz speziellen Grund gegeben haben, warum der Autor der Shakespeare-Werke seine Identität nicht genannt wissen wollte.

Das zu beantworten wäre wahrscheinlich ein eigener Aufsatz.

R

Warum der Autor unter keinen Umständen genannt werden konnte, versuche ich in aller Kürze und in 5 Punkten zu erläutern, um danach dann auf den Kern des Problems einzugehen: warum war der Mann aus Stratford in das Verwirrspiel eingebunden?

1. Viel zum Verständnis der Problematik kann eine Untersuchung/Abhandlung wie z. B. die des Soziologen Norbert Elias: „Die höfische Gesellschaft“ (1969) beitragen. Der große Abstand zwischen dem Adel und den „Commoners“ im 16. Jahrhundert ist zwar allgemein bekannt, aber wie groß der Abstand wirklich war und welches Ausmaß das hatte, wird oft nicht gesehen. Was vom Adel erwartet wurde, was ihn erlaubt war und was ihm nicht erlaubt war, darüber hat man heute kaum eine Vorstellung.

2. Natürlich war am Hofe bekannt, wer „Shakespeare“ wirklich war, aber davon drang nichts nach außen. Eine öffentliche Anerkennung durch die Königin wäre vielleicht denkbar gewesen, wenn er ein Commoner gewesen wäre. Aber da er ein Adliger war, war das ausgeschlossen.

3.  Ein Adliger konnte nicht als „Theatermensch“ auftreten – „unpassend für einen Adligen“ ist eine viel zu schwache Beschreibung. Der höfische Code schloss das absolut aus. Am Hofe war vieles für einen Adligen möglich: Theaterstücke zu schreiben, sogar bei Hofe als Schauspieler aufzutreten, das war möglich, aber in der Öffentlichkeit war das vollkommen ausgeschlossen. Ein Adliger konnte zwar Bücher schreiben, aber nur in ganz begrenzten Themenfeldern (z. B. über religiöse Inhalte), aber niemals Theaterstücke, die auch als Bücher verkauft wurden, d. h., sogar Geld durch Bücherverkauf zu verdienen, war für einen Adligen ausgeschlossen. Er konnte Schirmherr einer Schauspielertruppe sein, aber niemals selber im oder am Theater aktiv werden. Die öffentlichen Theater waren für den „Pöbel“ und galten noch immer als etwas verrucht und waren für Adlige tabu. Die Königin liebte das Theaterspiel – am Hof. Ihr Besuch in einem der öffentlichen Theater war undenkbar.

Wer als Adliger gegen den höfischen Code verstieß, wurde ausgeschlossen, verlor Ansehen und den Zugang zum Hof, war ein Ausgestoßener und persönlich erledigt. Dieser Code war zwar nicht schriftlich kodifiziert, aber absolut wirkmächtig.

4. Natürlich gab es auch Nichtadlige die einiges – oder auch vieles – vom Hofe wussten, aber sie hätten niemals gewagt, darüber öffentlich zu sprechen, es wäre ihnen übel ergangen. Wie totalitär die Welt in der elisabethanischen Zeit war, machen wir uns heute kaum noch klar.

5. Ben Jonson schrieb nicht aus eigenem Antrieb, sondern im Auftrag und nach Anweisungen der Herausgeber bzw. der Finanziers der First Folio: das waren die Grafen von Pembroke und Montgomery, d. h. der Schwiegersohn von Oxford und dessen Bruder. Es war notwendig, dass auch nach Oxfords Tod der höfische Code für ihn – aber im Grunde für den Adel als Ganzes – gewahrt bleiben musste, also der Name als Theaterdichter nicht genannt werden durfte. Auch eine Spur nach Stratford musste in der Folio angelegt bzw. angedeutet werden, denn der Mann aus Stratford war Teil der Inszenierung bzw. der Verschleierung.

Warum der Mann aus Stratford?

a) Um Theaterstücke zu schreiben und als gedruckte Bücher veröffentlichen zu können, brauchte ein Adliger ein Pseudonym, z. B. auch „William Shakespeare“.  Mehr war nicht nötig, einen Mann mit diesem Namen musste es dafür nicht geben.

b) Als Adligem war es Oxford unmöglich, Teilhaber an einem Theater zu sein und gar am Gewinn aus den Einnahmen beteiligt zu werden. Dafür braucht er einen Strohmann, also jemanden, dem man „die Hand geben“ konnte, ein Pseudonym reichte dafür nicht. Aber dieser Mann brauchte nicht den Namen des Dichters zu haben, jeder andere Geeignete wäre möglich, also auch ein „John Smith“. Ein „William Sh.“ aus Stratford war dafür nicht nötig.

c) Anders sieht es beim Schauspieler aus. Als Schauspieler in einem öffentlichen Theater aufzutreten, wäre für einen Adligen ein nie wiedergutzumachender Verstoß gegen den höfischen Code gewesen. Tat er es doch, brauchte er dafür einen Strohmann, besser eine „Maske“, auf die verwiesen werden konnte: jemanden, der existiert und im Verzeichnis der Schauspieler als Mitglied der Theatertruppe genannt wird. Auftreten auf der Bühne musste er nicht.

Der Mann aus Stratford erfüllte diese und damit gleich alle drei Aufgaben: Er lieferte mit seinem Namen (mit hinreichender Ähnlichkeit) das Pseudonym für den Dichter, war der Strohmann als Theaterteilhaber und war die „Maske“ für den Schauspieler.

Natürlich geschah dass alles nur, um den Schein zu wahren, und es gab etliche Leute, die wussten, worum es ging, aber keiner hätte gewagt, es öffentlich zu machen.

Aus Sicht des Adels genügte es zur Erfüllung des höfischen Codes, den Schein zu wahren, mehr nicht. Kein Adliger hätte, wenn der äußere Schein gewahrt war, etwas verraten (siehe Norbert Elias). Die höfische Gesellschaft, ihre Regeln und Gesetze – geschriebene und ungeschriebene – sind der Schlüssel zum Verständnis.

Diese Kurzfassung beruht auf umfangreichen und ausführlichen Darstellungen von Robert Detobel – mit den Hintergründen und Details, Nachweisen und Begründungen, Namen und Dokumenten. Dazu gebe ich gerne die Angaben und Links, wenn gewünscht.

A

Ganz perfekt! Die Darstellung der Gründe für die Geheimhaltung der Person Shakespeares erklärt die Gründe und macht die Sache plausibel.

So gesehen hat die Geheimhaltung seiner Identität also gar nichts mit einem persönlichen Wunsch des Autors zu tun, nicht genannt werden zu wollen. Das empfinde ich als„beruhigend“, denn ich konnte mir keinen realistischen Grund vorstellen, warum dieses Genie einen solchen Wunsch gehabt haben könnte. Es hätte (in meiner Vorstellung) nicht zum Charakter dieses Menschen gepasst.

Ich bin ja überhaupt kein Shakespeare-Kenner. Ich habe das Thema etwas verfolgt, weil ich es spannend finde, wenn bisheriges (vermeintliches) Wissen – jedenfalls zu einem wichtigen Thema – umgestoßen wird. Dann ist die Beweisführung schon als solche spannend. Als jemand, der (auch) Geschichte studiert hat, kann ich so etwas sehr interessant finden, wie z.B. den Aufsatz über Shakespeare und die Schachblume.