Daniel Wright
Der Stratford-Mythos ist bildungsfeindlich

 

(… ich erblicke) „in so mancher Fakultät für Englisch innerhalb der Akademia das schwerwiegendste Vergehen gegen die intellektuelle Ehrlichkeit und den lebendigen Forschergeist… Denn der Mythos des Mannes ist nicht nur unwahr: er bedroht und untergräbt unsere erklärten Ideale. Der Stratford-Mythos heißt uns vor den Forderungen der Tradition zu erstarren und zum Jasager zu werden. Er bedeutet jenen Studenten, die selbst den Schriftstellerberuf wählen könnten:

»Du wirst niemals ein solch großer Schriftsteller wie Shakespeare werden. Shakespeare konnte all das nur vollbringen, weil er ein Genie war. Und mangels eines solchen Genies kannst du dir keine Hoffnungen auf die Zukunft machen.«

Derart unsinniges Geschwätz ist blasphemisch! Wäre es in irgendeiner anderen akademischen Disziplin möglich, einen solchen anti-intellektuellen, bildungsfeindlichen Mythos wie diesen zu perpetuieren, ohne ihn mit aller gebührenden Verachtung als Vergehen gegen die raison d‘être des Bildungswesens an den Pranger zu stellen?“

„Denn auf nichts anderes läuft der Stratford-Mythos hinaus. Er predigt den Studenten, dass Bildung überflüssig sei:

»Letztlich wirst du nichts erreichen, wenn du nicht über ein unerklärbares geniales Talent verfügst. Lesen: vergiss es, Schreiben, Überarbeiten: vergiss es. Übung: vergiss es. Du wirst nie über das Mittelmaß hinauskommen. Weil dir ‛das gewisse Etwas’ fehlt. ‛Der Mann aus Stratford’, erzählen unsere Lehrer unseren Kindern, ‛er allein hatte das gewisse Etwas’. Er erhielt keinerlei Ausbildung, er brauchte das nicht. Er schrieb nie etwas vor seinem dreißigsten Lebensjahr. Er sprach einen Dialekt, der einem Londoner kaum verständlich gewesen sein muss. Aber als er sich hinsetzte und zum allerersten Mal zur Feder griff war dies der Anfang vom Shakespeareschen Kanon, von Werken wie Venus und Adonis, König Lear, …. Liebes Leid und Lust, Othello und Hamlet. Und als er nach wenigen Jahren alles satt hatte, trat er ab.« ….“

„So verheerend dies schon ist, das Komplement zum orthodoxen Lehrsatz, nämlich die Bedeutungslosigkeit der Frage nach dem Verhältnis von Autor und Werk, halte ich für noch verheerender! Denn was wir durch unsere demonstrative Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, wer die Werke Shakespeare schrieb, unseren Studenten zu verstehen geben, ist nichts anderes, als dass es uns völlig kalt ließe, würde einer tatsächlich ein zweiter Shakespeare! Der Autor ist unwichtig. Wichtig sind seine Werke. Oder sogar, wie es heute in der Akademia immer häufiger zu hören ist, nicht einmal seine Werke, sondern: Theorien über die Werke. Ich kann Ihnen versichern – und womöglich bedarf es inzwischen dieser Versicherung nicht mehr –, dass einige meiner akademischen Kollegen mehr über das Leben postmoderner französischer Literaturtheoretiker wissen denn über das Leben John Miltons, Henry Fieldings, Emily Brontës oder Bertolt Brechts. Es ist ein Skandalon. Wenn wir das ernsthafte Studium der literarischen Biographie und das Verhältnis von Autor und Werk nicht wieder auf den Lehrplan setzen, dann ist fürwahr alles verwirkt – und wenn uns bei einer solchen Entwicklung Shakespeare abhandenkommt, werden seine Stücke und Gedichte nie mehr in ihrer vollen Schönheit untersucht und geschätzt werden können, denn wir wären dann für immer der Möglichkeit beraubt, zu erfahren, wer der Schöpfer dieser unvergesslichen Werke war. Die Entstehungsbedingungen  dieser Werke, das Motiv für ihre Schöpfung, ihr Schöpfer, der Mann, der mit seinem wirklich unvergleichlichen Wortschatz die moderne englische Sprache schuf – die lingua franca der modernen Welt – all dies wird uns für alle Zeit verloren sein. Wir haben die heilige Mission, nicht schlicht die Pflicht, uns der Frage, wer Shakespeare war, warum er das schrieb, zu widmen. Verzichten wir auf diese Suche, so werden wir es nie wissen, und, schlimmer noch, wir werden verkünden, dass wir es nicht zu wissen wünschen. Auf diesen Willen den Treueid zu leisten, wäre der denkbar meineidigste Verrat.“

Zitiert aus Neues Shakespeare Journal, Bd. 6, 2001, S. 129 ff.