Molière zum Namen "Shakespeare"

Molière zum Pseudonym William Shakespeare

Dieser Abschnitt ist nahezu identisch mit dem vorletzten Kapitel dem Buch von Robert Detobel, Wie aus William Shaxper William Shakespeare wurde, Buchholz in der Nordheide, 2005, S. 178-185.

 NN: Monsieur Poquelin, wie sind Sie auf das Pseudonym Molière gekommen?
M: Durch Scaramouche.
NN: Wer ist Scaramouche, wenn ich fragen darf?
M: Tiberio Fiurelli, ein Italiener.
NN: Hat der Name Scaramouche irgendetwas zu bedeuten oder ist er nur rein zufällig gewählt.

M: Merken Sie sich dies: Pseudonyme sind in meiner Zeit so gut wie nie zufällig. Sie stehen immer in irgendeinem bestimmten Zusammenhang zu ihrem Träger. Scaramouche ist die französische Form des Italienischen „Scaramuccia", und dies bedeutet Scharmützel.

NN: Ein Kriegername, eine Art „miles gloriosus", ein aufschneidender Capitano?

M: Hier ganz und gar ein ironisches Pseudonym. Scaramouche ist ein Typ, der vor Furcht zittert, wenn er in die Nähe eines Küchenmessers kommt, aber das Schwert umso tapferer im Munde führt.

NN: Und ihm verdanken Sie den Namen Molière?

M: Das Schauspielen habe ich bei ihm erlernt. Scaramouche ist ein Prachtexemplar von Feigling und Angeber, der, um sich selbst zu beweisen, ein Gegenüber braucht, das er als feiges, leichtes, weiches Weibsbild beschimpfen kann. Ich habe dieses Gegenüber einige Male gespielt. Ich habe Gefallen dran gefunden. Scaramouche kann so überzeugend schimpfen, daß ich mich wirklich als Weib gefühlt habe. Es ist für einen männlichen Schauspieler immer das Höchste, Frauenrollen zu spielen, in jeder Hinsicht das Höchste, vor allen Dingen beim Singen, wenn Mann die höchsten Noten erreichen muß und in Nöte kommt. Eine äußerst schwierige Aufgabe, an der Karrieren zerbrochen sind, die Kastrationswünsche weckt. Scaramouche hat dabei das Wort „Weib" in allen bestehenden und erfundenen Sprachen ausgestoßen. Selbstverständlich auch im Lateinischen: „mulier". Da aber der Italiener der allerungeeigneteste Menschenschlag ist, ein „u" auszusprechen - versuchen Sie mal „O sole mio" statt mit einem „o" mit einem „u" zu singen und die Musikalität verwandelt sich im Nu in Hummelbrummen oder das Glucksen einer verstopften Rohrleitung - da hat er zu mir gesagt: „molier".

NN: Molière und Scaramouche, ein Paar, Weibsbild und Scharmützel.
M: Ironisches Paar, ironische Namen.
NN: Meine Aufgabe ist es, mit Ihnen, Molière, herauszufinden, ob ein Pseudonym William Shakespeare ein sinniges Pseudonym für einen dichtenden Edelmann sein könnte.
M: Natürlich, Molière und Scaramouche in einem.
NN: Wie das denn?
M: Sie wissen, daß „armes et lettres", „Waffen und Buchstaben"... was heißt im Deutschen „lettres"?
NN: Literatur, meinen Sie?

M: Mehr als nur Literatur, Geisteswissenschaften gehören auch darunter, ah, „Wissenschaften" hat man damals als übergreifende Kategorie für „Bildung" benutzt, ob Waffen oder Wissenschaft der Vorrang gebühre, ob dem Schwert oder der Toga.

NN: Gehört diese Streitfrage zum Thema?

M: Es sind über diese Streitfrage damals unzählige Bücher erschienen, zumal in Italien. Italien war Europas Lehrmeister in allen Kulturbereichen: von der Dichtkunst bis zur Fechtkunst. Ich streite mich nicht darüber, ob die Frage an sich so wichtig ist, Fragen werden wichtig, wenn sie in der Öffentlichkeit dafür gehalten werden, und das wurde diese Streitfrage damals.

NN: Heute stehen ganz andere Fragen im Brennpunkt.
M: Selbstverständlich, ich rede aber über meine Zeit. Ist denn die Kulturgeschichte meiner Zeit völlig aus den Lehrplänen verschwunden?
NN: Natürlich nicht. Das meine ich ja gerade, daß heute in der Kulturgeschichte Ihrer Zeit ganz andere Fragen im Zentrum stehen.
M: Aber in meiner Zeit beherrschte diese Frage die öffentlichen Debatten: Was ist wichtiger und tugendhafter, Waffenhandwerk oder Wissenschaft? Sie haben sicher den Don Quixote gelesen?
NN: Natürlich.
M: Don Quixote hält ja einen Vortrag zu dem Thema.
NN: Ich kann mich nicht daran erinnern.
M: Dann haben Sie den Don Quixote nicht gelesen, wahrscheinlich nur so'n bißchen drin rumgeblättert.
NN: Keineswegs. Ich habe das Buch verschlungen. Köstlich diese Geschichte von Prinzessin Mikomikona und Cardenio. Ich lasse sie mir immer wieder auf der Zunge zergehen.
M: Aber genau da hält Don Quixote doch diesen Vortrag!
NN: Ich halte diesen Vortrag nicht für wesentlich zu der Erzählung gehörend.

M: Liebe Zeit! Da ist doch das ganze Argument der Aristokratie zusammengefaßt. Cervantes spricht über seine Zeit, in diesem achtunddreißigsten Kapitel: „Die Verteidiger der Waffen sagen: ohne sie könnten keine Gesetze bestehen; denn die Waffen müssen Republiken und Könige aufrecht erhalten und behüten, Städte verteidigen, Heerstraßen sicher machen und die Meere von Seeräubern reinigen..."

NN: Cervantes scherzte doch nur.

M: Ach, die Zeiten, die Zeiten, sie ändern sich nicht,
   Was un-verstanden wird, halten wir schlicht
   Für nicht ernst gemeint, allzu undicht,
   Und wenn auch alles, wie es war, dagegen spricht.
NN: Was spricht denn alles dagegen?

M: „La ciencia no emboda el fierro de la lanza nin face floxa el espada en la mano del caballero." Diesen Spruch des spanischen Marquis de Santillana im 15. Jahrhundert war in der einen oder anderen Variante fast so geläufig wie die zehn Gebote. „Weder stumpfen die Wissenschaften das Eisen der Lanze ab, noch lassen sie das Schwert erschlaffen in den Händen des Ritters." Und Sie beschäftigen sich mit dieser Zeit und mit Shakespeare, der in dieser Zeit lebte?

NN: Recht lange schon.
M: Und Sie haben noch nie etwas über diese Streitfrage gehört? In MEINER Zeit?
NN: Schon, eher vage, ziemlich vage, so gut wie nichts.
M: Was wird denn in Euren Schulen und Akademien über diese Zeit gelehrt?
NN: In der Literatur- und Kulturgeschichte Ihrer Zeit werden heute andere Prioritäten gesetzt.
M: Ich kann mir schon denken. Es wird wahrscheinlich die Einsteinsche Formel des Selbstvermarktungsgesetzes der Frühen Neuzeit gesucht.
NN: Nein, das nicht.
M: Oder ob das Leder der Zunge der Schuhe, die damals beim Tennisspiel getragen wurden, eine längere Lebensdauer als heute hatte.
NN: Heute sind diese Zungen aus Schaumstoff.

M: Wenn in einer Kultur- und Literaturgeschichte meiner Zeit, die Frage des Vorranges zwischen „lettere e armi", „lettere", hören Sie, das hört sich wie „Literatur" an, oder? Wenn diese Frage nicht zur Sprache kommt, dann sind die Zungen Eurer Lehrer und Professoren wohl auch aus Schaumstoff, oder irre ich mich?

NN: Wie ich sage, heute stehen andere Fragen im Zentrum.
M: Und diese in meiner Zeit zentrale Frage, wo steht die?
NN: Heute wird aus einem größeren Objektbereich ein kleiner Unterbereich ausgeschnitten, der dann intensiv besprochen wird.
M: Besprochen. Auch bedacht?
NN: So ist nun mal die Tendenz.
M: Und jeder tänzt sein eigenes Tentänzchen?
NN: So geht es nun einmal zu.

M: Dann geht es zu wie in einer Komödie des Plautus. Der Sklave oder der Parasit lenkt die Handlung. Denn wenn ich eine andere Zeit als die meine verstehen will, richte ich mein Augenmerk doch auf die Fragen, die diese Zeit bewegten. Sonst UNverstehe ich sie. Und wenn ich mich bedingungslos in den Dienst der neuesten Mode der Haute Culture stelle, bin ich ein Sklave oder ein Parasit, der möglichst viel aus den Töpfen des nicht sehr schmeichelfesten Herrn abbekommen will. Warum lassen Sie dauernd dieses Lächeln intellektueller Überlegenheit über die Lippen irrlichtern?

NN: Ich lächele überhaupt nicht intellektuell überlegen.
M: Dann sind Sie ein hochgradiger Idiot.
NN: Herr Molière, Sie werden vulgär.

M: Diese Art zu lächeln findet man entweder bei Leuten, die sich selbst so hallelujahimmalajahoch überlegen wähnen, daß sie nichts mehr berührt, oder bei Idioten, die so gründlich allen Verstand verloren haben, daß sie nichts mehr berührt. Wie alle Extreme berühren sich auch diese. Man kann auf den ersten Blick selten erkennen, mit welcher der beiden Arten man es zu tun hat. Sie sagen selbst, Sie gehörten nicht zur ersteren Art.

NN: Ihr Poltern bringt nicht weiter.
NN: Worum geht es denn?
NN: Ob der Name William Shakespeare ein sinniges Pseudonym für einen dichtenden Edelmann sein könnte?

M: Ein Edelmann sollte vorgeblich doch nur in seiner Freizeit dichten dürfen. Vorrang für ihn sollten die Waffen haben. Don Quixotes wehmütiger Schwanengesang auf das Ritterideal. Denn der Hofmann wurde im Dienst der Fürsten immer mehr vom Schwertträger oder Speerschwinger zum Togaträger. Der Vorrang der Waffen war kaum noch mehr als eine schöne Feder an einem alten Hut. Die Feder war immer noch nützlich genug, die Besonderheit des Adels gegenüber den anderen Ständen zu begründen, die ebenfalls gebildet waren und aus deren Rängen der Hof Konkurrenten rekrutieren konnte. Für Lebenslügen ist man eher bereit, das Leben zu geben, als für Wahrheiten. Als der Marquis de Santillana diesen Satz niederschrieb, lagen die Dinge immer noch etwas anders. Innerhalb des Adels gab es traditionelle Widerstände gegen Bildung. Das änderte sich gründlich spätestens ab dem Anfang des 16. Jahrhunderts. Die Metaphern blieben aber immer die gleichen. Für Wissenschaften: die Feder. Für Waffen: Schwert, Lanze, Speer. Was hat ein Dichter-Edelmann Shakespeare wohl mehr in der Hand gehalten. Speer oder Feder?

NN: Die Feder.
M: Doch eigentlich hätte es die Lanze, der Speer, das Schwert sein müssen.
NN: Der Ideologie nach, ja.

M: So dichtete der spanische Ritter-Dichter Garcilaso de la Vega um 1530: „Bald greife ich zum Schwert, bald zur Feder." Und so ähnlich hat es vierzig Jahre später der englische Ritter-Dichter George Gascoigne geschrieben: „Dichter sein mit dem Speer, mit der Feder kämpfen, mit dem Schwert schreiben." Wie lautet das im Englischen?

NN: „Poet with a spear... a spear".

M: Und 1584 läßt John Lyly in seiner Komödie Campaspe, in der Alexander der Große sich in die schöne Sklavin Campaspe verliebt und alles Kriegerische vergißt, den General Hephaistos Alexander den Großen ermahnen: „Willst du wie Herakles am Webstuhl spinnen, wo du mit Achilles den Speer schütteln solltest?" Wie lautet das auf Englisch?

NN: „Will you handle the spindle with Hercules, when you should shake the spear with Achilles? Is the warlike sound of drum and trump turned to the soft noise of lire and lute?"

M: "Ist der kriegerische Schall von Trommel und Trompete umgewandelt in die sanften Klänge von Leier und Laute." Wir haben hier den Gegensatz zwischen dem Speer schüttelnden Achilles und dem in ein webendens und singendes Weib sich verwandelnden Herakles. Wie sinnig der Name „Shake-speare" für einen Edelmann, geachtet, erst Speer und Schwert zu schütteln, aber, um Gascoignes Wort zu verwenden, in erster Linie ein Achilles mit der Feder.

NN: Wiederum ironisch.

M: Und lobt Ben Jonson Shakespeare nicht deswegen?

   „In jedem schwingst Du einen Speer zum Streit
    In's Antlitz prahlender Unwissenheit."

NN: „In each of which, he seems to shake a lance
     As brandish't at the eyes of Ignorance."

Wie hat man darüber hinwegsehen können?

M: Deshalb sollen wir noch etwas verweilen. Ben Jonson lobt doch, daß er die Wissenschaft, die Kunst als Waffe schwang, mit der Feder als Speer, Lanze, Schwert kämpfte.

NN: Unerhört, daß ich das noch nie gehört habe!
M: Der Klang der Laute und der Leier,
   Gedämmt vom Schau- und Schaumstoffmeier.

NN: Ja, das ist es, was Ben Jonson sagt, daß er zwar nicht den Speer geschüttelt habe, wie es sich für einen Hofmann geziemt hätte, aber dafür die Feder als Speer gegen die Unwissenheit geschwungen habe.

M: Ein wenig ist Shakespeare Scaramouche, Scharmützel.

NN: Zumal der Name manchmal mit Bindestrich geschrieben wurde, Shake-speare.

M: Der Bindestrich, so winzig er ist, ist wichtig. Er setzt die einzelnen Namensbestandteile wieder in ihren je eigenen Sinn ein. Wenn einer Haßdenteufel heißt und ist ein anständiger Handwerker, zum Beispiel ein Klempner, werde ich den Namen doch nicht durch Bindestrich trennen. Ist er aber ein unanständiger frommer Prediger, würde ich schwer der Neigung widerstehen, Haß-den-Teufel oder Hol-der-Teufel zu schreiben.

NN: Aber wieso William?

M: William ist Shakespeares Vorname, so wie Molière der Vorname von Scaramouche hätte sein können. Wenn ein Reimer nicht empfangen kann, wird er nie Dichter, bleibt nur Mann. Der Dichter muss Doppelschlange sein, um Schöpfer sein zu können, so wie der griechische Mythos es uns lehrt. Ein Dichter braucht den Schlangenbiß. Wer hat das gesagt?

NN: Nietzsche, glaube ich.

M: Alle Seher der griechischen Mythologie sind von einer Schlange gebissen, sind Zwitter. Seher waren die Dichter. Das gilt immer noch. Moderner ausgedrückt: Ein Dichter ist ein Mann, der nur das Weib heiratet, das er selber ist, ohne Gütertrennung versteht sich. Alles andere geht schief. Ich weiß, wovon ich rede. Ich war immer in Madeleine Béjart wie in eine Mutter verliebt, heiratete aber die jüngere Schwester Armande. Es lief schief.

NN: War Armande nicht Madeleines Tochter? Es ist behauptet worden...

M: daß Armande das Kind aus der Beziehung zwischen Madeleine und mir war. Inzest. Ja, es war Inzest. Es war platonischer Inzest, in der Welt des Geistes die einzig mögliche Weise der Fortpflanzung. Dort ist Begattung und Befruchtung nur unter Geistesverwandten möglich.

NN: Wo ist die Analogie zwischen einerseits „Weib", „mulier", „molière" und „Will" oder „William"?

M: Ich erinnere mich an ein Lied, das die englischen Emigranten am französischen Hof gerne sangen. Der Dichter ist unbekannt. Er könnte Will Shakespeare gewesen sein.

            All my wits hat will enwrapped
            All my sense desire entrapped
            All my faith to fancy fixed
            All my joys to love amixed
               All my love I offer thee
               Once for all yet look on me.

             All mein Verstand von Will'erstickt
            All meine Sinne wunschgestrickt
            All mein Glaube traumgelenkt
            All meine Freuden lieb'vermengt
              All meine Liebe biete ich dir
              Einmal nur doch schau zu mir.

 NN: Das Lied erinnert an Shakespeares Sonett 136:

Make but my name thy love, and love that still,
And then thou lov'st me for my name is Will.

 M:       Nur meinen Namen lieb, und lieb ihn still
            Dann liebst du mich, ist doch mein Name Will.

 NN: In dem Lied finden wir eine Reihe: „wits", „sense", „faith"; und die Reihe der Gegensätze: „will", „desire", „fancy". Vernunft - Sinne - Glaube gegen Wille - Begehren - Phantasie. Eine rationale und eine irrationale Reihe.

 M: Nicht auch in Shakespeares Sonnet 143:

NN: My reason, the physician to my love,
    Angry that his prescriptions are not kept,
    Hath left me, and I, desperate, now approve,
    Desire is death, which physic did except.

     Vernunft, der Arzt für solches Liebesweh,
    Verärgert sah, wie jeder Rat zu Dunst
    Verflog, und ging, und ich, verzweifelt seh',
    Verlangens sterben spottet Ärztekunst.

 M: Vernunft ist machtlos gegen Gefühle, „reason" gegen „desire", „wit" gegen „will". Scaramouche ist Shake-speare. Will ist Molière, Will-I-am.