BEYOND DOUBT? 

SHAKESPEARE BEYOND DOUBT: Evidence. Argument. Controversy, Hsgb. von Paul Edmonson und Stanley Wells, Cambridge University Press, 2013, 284 Seiten.

Nur wenige Jahre ist es her, dass der bekannte Shakespeareschauspieler Mark Rylance von Stanley Wells, dem Ehrenvorsitzenden des Shakespeare Birthplace Trust, gewarnt wurde, die Verfasserschaft von William Shakespeare aus Stratford anzuzweifeln, denn er sollte wissen, wohin das führen könnte, nämlich in den Wahnsinn, in den die Amerikanerin Delia Bacon (1811-1859), sozusagen die Urmutter aller Zweifler, stürzte. Solche Warnungen waren auch schon in den Jahrzehnten vorher zu hören. Erstaunlich und erfreulich zugleich dann, dass eine solche Warnung in diesem Buch fehlt. Im Gegenteil, diese Strategie wird von Graham Holderness („The unreadable Delia Bacon") gar recht scharf verurteilt: „Während es völlig vernünftig war, Bacons Werk als falsch und irregeleitet zurückzuweisen, war es nicht anständig, ihre Glaubwürdigkeit dadurch zu untergraben, dass man sie als verrücktes Weib bezeichnete, dessen Ansichten einfach Ausdruck ihrer ‚mentalen Verwirrung' sei. Allerdings steht in der nun 160-jährigen Geschichte des Streits um die Verfasserschaft der Shakespearschen Werke Delia Bacon bestenfalls einzigartig insofern dar, als sie tatsächlich in der Umnachtung endete. Oder doch nicht. Auch Friedrich Nietzsche glaubte, Francis Bacon sei der wahre Verfasser, und niemand hat bisher behauptet, seine Umnachtung sei eine direkte Folge dieses Glaubens. Sidney Lee (1859-1926), seinerzeit ein führender Shakespeareforscher, bezeichnete alle Zweifler als geistesgestört. Man fühlt sich an Psalm 14 erinnert: „Die Toren sprechen in ihrem Herzen: »Es ist kein Gott.«  Sie taugen nichts; ihr Treiben ist ein Greuel: da ist keiner, der Gutes tut." Man ersetze „Gott" durch Shakespeare. Andrew Murphy („Amateurs and Professionals: Regendering Bacon") erblickt die Ursache für Delia Bacons Depression in ihrer existentiellen Lage als hochbegabte Frau (sie besiegte in einem literarischen Wettbewerb keinen geringeren als Edgar Allan Poe), die nicht nur von den Herren der Bildung abgelehnt wurde, sondern als Frau auch keinen Zugang zur Akademie hatte.

Es hat sich also doch einiges geändert.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Teil I trägt den Titel „Sceptics". Matt Kubus („The unusual suspects") befasst sich mit einigen der ungewöhnlicheren Kandidaten: William Stanley, 6. Graf von Derby; Roger Manner, 5. Graf von Rutland; Sir Henry Neville; Mary Herbert, Schwester Philip Sidneys und Gräfin von Pembroke; sogar der Jesuit und katholische Märtyrer Edmund Campion, der 1581 hingerichtet wurde. Er sieht es nicht ungern, denn er schließt sich der Schlussfolgerung von Wells und Edmondson an, wonach jeder weitere Kandidat - es sind in den letzten beiden Jahren mindestens drei hinzugekommen: Sir Fulke Greville, Sir Lewis Lewkenor und der Plutarch-Übersetzer Thomas North - an sich genüge, die Absurdität des ganzen Vorhabens zu beweisen. „Mathematisch gesehen, nimmt mit jedem weiteren Kandidaten die Wahrscheinlichkeit ab, dass einer der übrigen der wahre Autor sei." (S. 50) Der Verfasser übersieht freilich, dass dies dann auch für Shakespeare aus Stratford gilt, etwas das Charles Nicholl („The case for Marlowe") implizit zugibt, wenn er Marlowe als den chronologisch ersten Gegenkandidaten nach Francis Bacon bezeichnet und hinzufügt: „Ich nehme von dieser Reihe den frühesten und plausibelsten Kandidaten aus, William Shakespeare aus Stratford." (S. 30) Nicholl führt somit ein Plausibilitätskriterium ein, das bei Matt Kubus unter dem Sand der Pauschalität verschüttet wird.

Und dann tritt zum Vorschein, dass das Buch vor allem zur Abwehr einer Kandidatur geschrieben wurde: die Edward de Veres, des 17. Grafen on Oxford. Und hier ist Oxfords Biograph Alan Nelson natürlich der Mann, auf dem große Hoffnungen ruhen. Und - ebenso natürlich - zeigt sich, dass der Hysteriker Nelson den Historiker Nelson regelmäßig aus dem Tritt bringt. Oxford wäre, schreibt er, in den Verdacht geraten, den hochverräterischen, 1572 hingerichteten Herzog von Norfolk aus dem Tower zu befreien - doch das war ein Gerücht aus sehr fragwürdiger Quelle, nämlich der Behauptung einer etwas loslippigen Frau aus dem Volk. Oxford wäre 1574 in die Niederlande gereist, um Kontakte zu den dorthin geflüchteten Katholiken zu knüpfen - das hatten einige Katholiken zwar erhofft, aber ein Beleg dafür existiert nicht. Oxford wäre nach Italien abgereist, obwohl seine Frau schwanger war - wahr ist, dass Oxford bereits abgereist war, als er von seinem Schwiegervater über die Schwangerschaft seiner Frau per Brief informiert wurde. Oxford wäre nach seiner Affäre mit Anne Vavasour von deren Onkel Sir Thomas Knyvet zu einem Duell herausgefordert - wahr ist, dass er von deren Bruder Thomas Vavasour zu einem Duell aufgefordert wurde, wahr ist vermutlich auch, dass Nelson es unterlassen hat, in seiner eigenen Oxfordbiografie noch mal genauer nachzuschauen. Oxfords Schwiegervater William Cecil, Lord Burghley, könne man nicht mit Polonius vergleichen, und seine Ehefrau nicht mit der Ophelia, denn Ophelia habe nur einen Bruder und Anne hatte mehrere Brüder - wahr ist, dass Anne nur einen jüngeren Bruder namens Robert und einen älteren Halbbruder namens Thomas hatte. Aber „anderthalb Brüder" klingt ja nicht so schlagend wie „mehrere Brüder".  Noch eine Schippe mehr Schlampigkeit, und er hätte es qua Phantasie mit Roland Emmerichs Film Anonymus aufnehmen können, gegen den am Ende seines Beitrags vom Leder zieht.

Wie nicht anders zu erwarten, muss die orthodoxe Chronologie herhalten, um Oxfords Kandidatur zurückzuweisen. Fast die Hälfte des Shakespearekanons sei nach Oxfords Tod geschrieben worden. Dass diese orthodoxe Chronologie nach Eingeständnis von Edmund K. Chambers, auf den sie letztlich zurückgeht,  selbst mit vielen Ungewissheiten befrachtet ist, wird nicht erwähnt.  Sie wird darin vielleicht nur von den oxfordianischen Versuchen übertroffen, eine eigene Chronologie aufzustellen. Hier haben die Oxfordianer bisher am falschen Ende angesetzt. Statt zu zeigen - was verhältnismäßig einfach ist - dass die orthodoxe Chronologie einige Erkenntnisse einfach in den Wind geschlagen hat, haben sie zu beweisen versucht, dass die eigene Vorstellung des Autors Shakespeare noch orthodoxer sei als die orthodoxe.

Aber die orthodoxe Chronologie wird durch mindestens zwei Stücke falsifiziert: Othello, ein Stück, das in der orthodoxen Chronologie auf 1604 datiert wird, jedoch nachweislich bereits 1598 existierte, und Timon von Athen, das orthodox 1608 datiert wird, nachweislich aber bereits 1601 existiert haben muss.

Für Othello siehe hier.

für Timon von Athen siehe hier und hier

Daran zerplatzt auch die Argumentation von James Mardock und Eric Rasmussen („What does textual evidence reveal about the author?"). In dem durchaus lesenswerten Beitrag argumentieren die beiden Autoren, dass Shakespeare ein professioneller Theatermensch gewesen sein müsse. Aber, und da geht die Argumentation zu Bruch, dies würde auch daraus deutlich, dass er in der Zeit zwischen 1603 und 1604, als die Theater wegen einer verheerenden Pestepidemie geschlossen waren, die aufführungslose Zeit zur erhöhten Produktion von Stücken genutzt hätte (S. 116): Maß für Maß; Ende gut, alles gut; Othello; Timon von Athen; die erste Fassung von König Lear und vielleicht das Gedicht A Lover's Complaint (was wiederum andere orthodoxe Forscher wie Brian Vickers nicht als ein Werk Shakespeares betrachten).

David Kathman („Shakespeare and Warwickshire") verwahrt sich, wohl nicht ganz zu Unrecht, dagegen, dass die "Anti-Shakespearians" (statt „Anti-Stratfordians", womit er sich der von Wells und Edmondson vorgeschlagenen neuen Sprachregelung beugt), Stratford-upon-Avon als hinterwäldlerisches Kaff darzustellen versuchten.

Hatten sie im 14. Jahrhundert nicht einen Erzbischof von Canterbury zu bieten?, fragt Katman. Ja, aber das war doch schon ein Weilchen her.  War Richard Field, der Drucker von Venus und Adonis sowie Lucrezias Schändung, nicht aus Stratford?, fragt er.  Schrieb Thomas Greene, ein  Bekannter Shakespeares, vielleicht sogar sein Vetter, nicht ein Lobgedicht auf den ebenfalls aus Warwickshire stammenden Dichter Michael Drayton? Ja, lautet die Gegenfrge: Darf man sich überhaupt noch wundern, ohne Gefahr zu laufen, als böse und verrückt zu gelten? Warum schrieb Thomas Greene 1623 (er war noch fast zwanzig Jahre lang am Leben) kein Lobgedicht auf William Shakespeare, sondern nur im Zusammenhang mit der Einhegung von Grundstücken? Hat Richard Field seine Stratforder Verwandten nie was über die beiden Gedichte erzählt, die Shakespeares Ruhm begründeten? Und Shakespeares Geschäftspartner Richard Quiney und Abraham Sturley konnten Latein schreiben, waren also doch gebildet? Aber warum beziehen sie sich in ihrer Korrespondenz nur auf den Geschäftsmann Shakespeare, nie auf den Dichter? Warum hat, soweit bekannt ist, sich in Stratford bei seinem Tod niemand geäußert? Kathman muss man vorhalten, aus jedem noch so dünnen Stroh einen kompletten Backstein für das theoretische Gebäude machen zu wollen, selbst aus dem Warwickshire-Dialekt, für den er nur wenige Beispiele zu geben weiß und dessen Stellenwert er relativiert. „Was dialektische Ausdrücke betrifft, solche Referenzen beweisen gar nichts, aber sie suggerieren einen Autor, der in der Region um Stratford heimisch war." (S. 129) Und so suggeriert uns Kathman, dass William Shakespeare aus Stratford-upon-Avon der Autor sei... beweist aber nichts.

Erstaunlich ist der Beitrag von Stanley Wells („Allusions to Shakespeare to 1642"). Wells räumt ein, dass ein bisheriger Eckpfeiler der Orthodoxie, nämlich der Brief an drei Stückeschreiber in Greene's Groatsworth of Wit und die darauffolgende Apologie des Herausgebers und mutmaßlichen Verfassers Henry Chettle, sich womöglich nicht auf Shakespeare bezögen. Dann aber bräche wirklich eine Hauptstütze des orthodoxen theoretischen Gebäudes weg. Zwar sind da immer noch die Bezugnahmen von Zeitgenossen auf den Autor William Shakespeare. Einige Zeitgenossen stellen ihm ewigen Ruhm in Aussicht. Doch der Autor selbst, der Autor der Sonette, schreibt, dass sein Name vor der Nachwelt zugrunde gehen werde. Ist es denn nur böser „anti-shakespearscher" Wille, ist es nicht auch eine gesunde Portion Logik, wenn man daraus schließt, dass William Shakespeare nicht der wahre Name des Dichters war?

John Jowett („Shakespeare as collaborator") und MacDonald P. Jackson („Authorship and the evidence of stylometrics") bemühen sich, ein anderes Kernstück der Orthodoxie zu retten, das Fragment aus dem Stück Sir Thomas More in der Handschrift D, der angeblichen Handschrift William Shakespeares. Der Paläograph Sir Edward Maunde Thompson hatte 1916 befunden, dass ein solcher Nachweis, der auf einem Vergleich zwischen Unterschriften und einem Holograph beruht, eigentlich gar nicht möglich sei, dass sechs Unterschriften eine viel zu kleine Stichprobe sei, um gültige Schlüsse ziehen zu können, dass eine der sechs Unterschriften unbrauchbar sei, hatte sich dann aber doch auf den Weg zum Nachweis gemacht und festgestellt, dass ein „a" in dem Manuskript einem „a" in einer der Unterschriften ähnlich sei. Ein solcher Nachweis, schreibt Jowett, könne heute mit „weitaus größerer Zuverlässigkeit" (S. 93) geführt werden. War das denn nicht immer schon sehr zuverlässig gewesen? Jane Cox, eine Expertin des damaligen Public Record Office, war zu dem Schluss gelangt, dass man nur ins Blaue hinein raten könne, welche der sechs Unterschriften authentisch sei, denn keine ähnele der anderen.

© Robert Detobel 2013 

 

Zu Shakespeare Beyond Doubt siehe auch:

STANLEY WELLS: ALLUSIONS TO SHAKESPEARE TO 1642