In Memoriam Robert Detobel


Robert Detobel wurde am 12. August 1939 in Beert, einem Dorf mit ca. 300 Einwohnern, in
Flämisch-Brabant, einem Teilbezirk von Flandern (Belgien), als fünftes von sechs
Geschwistern geboren. Sein Vater war Bierbrauer. Über seine Familie und ihre Herkunft ist
uns nichts weiter bekannt. Es kann aber vermutet werden, dass der Familienname Detobel
ursprünglich „de Tobel“ hieß, wie in vielen niederländischen Namen („de“: niederländisch
„der“) und später zu einem Wort verschmolz. Tobel existiert als Nachname z. B. auch in
Deutschland.
Seine Mutter verstarb nach der Geburt seiner jüngsten Schwester, als Robert sechs Jahre alt
war. Nach dem Tod der Mutter lebte er sechs Jahre bei seiner Tante in Brüssel und besuchte
dort die Grundschule.
Im Alter von zwölf Jahren kann er sich entscheiden, ob er in Brüssel bleiben oder in die
vorherige Heimat zurückkehren wolle. Er geht nach Beert zurück. Von dort besucht er die
Mittelschule in der Bezirkshauptstadt Halle, die mit der Straßenbahn erreichbar ist.
1959 schließt er die Schule mit dem Abitur ab. Auf der Schule hat er Deutsch, Englisch und
Französisch als Fremdsprachen gelernt, die er schon früh neben seiner Muttersprache
Niederländisch/Flämisch fließend beherrscht. Er schreibt sich an der Universität Löwen zum
Studium der Politischen Wissenschaft ein. Zu der Zeit hat er zum ersten Mal Shakespeare
gelesen, zunächst in der niederländischen Übersetzung. Besonders ist er von Hamlet und King
Lear beeindruckt.
1964 zieht er nach Mönchengladbach, beschäftigt sich mit Rilke, Trakel, Hölderlin,
Eichendorf. Ab 1965 arbeitet er dort in einem deutsch-französischen Übersetzungsbüro. 1971
beginnt er das Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, das er 1976 als Diplom-
Volkswirt abschließt. 1977 zieht er nach Frankfurt/Main, arbeitet freiberuflich als Übersetzer,
auch in Buchübersetzungen. 1981 studierte er Sigmund Freud und las eine Fußnote, die ihn zu
Hamlet-Studien anregte. 1983 findet er so zu seinem Lebensthema: Wer schrieb Shakespeare?
Noch im Juni 2016 hat er auf der Webpage der Shakespeare-Oxford-Fellowship in der
Sektion „How I Became an Oxfordian“ diesen Weg beschrieben.

In Frankfurt liest er umfänglich in der griechisch-römischen Geschichte und Mythologie, er
liest die Klassiker, vieles zur Verfasserschaftsfrage, er liest Shakespeare – auch die Sonette.
1989 übernimmt er Wirtschaftsübersetzungen und beschäftigt sich nun intensiv mit der
Verfasserschaftsfrage. Er ist ständig in der Bibliothek des Max-Planck-Instituts und in der
Universitätsbibliothek. Durch diese Einrichtungen hat er Zugang zu wichtigen Werken wie z.
B. der Transkription des Registers of Stationers von E. Arber oder den 17 Bänden A History
of English Law
von W. Holdsworth, die nur in wenigen deutschen Bibliotheken zu finden

sind. Über Jahre erarbeitet er sich in regelmäßiger Lektüre die Grundlagen der
Publikationsgeschichte und des englischen Rechts der Elisabethanischen Zeit, die dadurch zu
einigen seiner Spezialgebiete werden.
1993 beginnt der Kontakt mit Walter Klier, dem österreichischen Schriftsteller und
Herausgeber der Zeitschrift Die Gegenwart, für die Robert Detobel auch Beiträge schreibt.
(Walter Klier veröffentlicht 1994 Das Shakespeare-Komplott, das erste Buch im
deutschsprachigen Raum zur Shakespeare-Autorschaftsfrage.)

Es folgt 1996 die Mitarbeit an einem Feature des Hessischen Rundfunks
„Wer war Shakespeare – oder was ist in einem Namen?“
Zu dieser Zeit kommt er auch in Kontakt mit Dr. Uwe Laugwitz.
Zusammen geben beide das Neue Shakespeare-Journal heraus,
das nach dem ersten Band 1997 regelmäßig erscheint.
Robert Detobel schreibt in fast allen Bänden zum Teil sehr umfangreiche Beiträge.

1998 begann sein Kontakt mit US-amerikanischen Shakespeare-Forschern, zunächst mit Peter
Moore, ab 2000 auch mit Christopher Paul und Robert Brazil. Mit seinen Veröffentlichungen
in „Elizabethan Authors“ und Beiträgen im „elizaforum“ nimmt er ständig an der Diskussion
teil. Aus den zahlreichen Gebieten auf denen er gearbeitet und zu denen er Artikel
veröffentlicht hat, sollen hier nur drei stellvertretend genannt werden:
− Der Literaturstreit Harvey-Nashe und wie er in Loves Labours Lost gespiegelt
ist: ein Beweis für Oxford.
− Es gab Autorenrechte zu Shakespeares Zeit und das Eigentum an Shakespeares
Stücken gehörte nicht einfach der Schauspielergesellschaft, wie oft behauptet
wird.
− Besondere Bedeutung hat seine Arbeit zu Palladis Tamia von Francis Meres.
Er kann zeigen, dass die getrennte Erwähnung von Oxford und Shakespeare
dort keineswegs auf zwei verschiedene Personen schließen lässt (u. a.
veröffentlicht zusammen mit K. C. Ligon in Brief Chronicles, Bd.1).
Seine Artikel sind immer sehr breit angelegt, gehen detailreich in die Tiefe der Probleme und
verlangen dem Leser sehr viel Aufmerksamkeit ab.
2001 wird Robert Detobel von der Concordia-Universität in Portland/Oregon mit dem Vero
Nihil Verius Award ausgezeichnet und zu einer Reise in die USA eingeladen.
Ab 2004 beginnt sein Austausch mit Kurt Kreiler, der später das Buch Der Mann, der
Shakespeare erfand
schreibt. 2005 erscheint Robert Detobels Buch Wie aus Shaxpear
Shakeseare
wurde als Band 10 des Neuen Shakespeare Journals. Sein Buch The Concealed
Poet
wird 2007 als Manuskriptdruckt veröffentlicht. 2010 wirkt er an der Gründung der

Neuen Shake-speare Gesellschaft mit, in deren Beiratsmitglied er ist. Im Laugwitz-Verlag
erscheint sein Buch „Will“–Wunsch und Wirklichkeit, eine umfassende Kritik von Shapiros
Contested Will. Auf über 200 Seiten weist er in 30 Kapiteln die zahlreichen und z. T.
haarsträubenden Fehler nach. Leider konnte das Buch nur auf Deutsch erscheinen.
Die Webpage „shakespeare-today.de“ der Neuen Shake-speare Gesellschaft, an der er seit
2009 mitgearbeitet hat, wäre ohne seine zahlreichen deutschen und englischen Beiträge
undenkbar.
Eine vollständige Übersicht aller seiner Veröffentlichungen und Artikel ist nicht leicht zu
erstellen. Eine Liste auf unserer Webpage führt ca. 130 Titel an. Er hat
Artikel in u. a. Shakespeare Oxford Newsletter, The De Vere Society Newsletter, The
Oxfordian
und Brief Chronicles geschrieben.

Mancher wird sich vielleicht noch an die ungewöhnlichen Diskussionen zur Shakespeare-
Autorschaft 2013 im Guardian, New Statesman und Spectator erinnern. Robert Detobel hat
sich daran sehr engagiert und erfolgreich beteiligt – damals unter Pseudonym. Wer dies
wusste, konnte einen Eindruck von seinem hintergründigen Humor bekommen.
Robert Detobel stand in ständigem Austausch mit sehr vielen Menschen, pflegte fast täglich
die Kommunikation telefonisch und durch E-Mail und hat in den letzten Jahren häufig an der
Diskussion auf Facebook (ShakesVere/Orthodoxfordians) teilgenommen.

In seinem persönlichen Alltag führte er aber seit vielen Jahren ein sehr zurückgezogenes,
im Grunde einsames Leben, er hatte auch keine Verwandten mehr und alle seine Geschwister
überlebt.

Auf seinem letzten Spaziergang am 15. September in einem kleinen Park in Frankfurt, nahe
bei seiner Wohnung, hatte er das Buch My Shakespeare bei sich, um darin zu lesen. Das
Buch kam dann mit ihm ins Krankenhaus und lag neben seinem Bett auf der Intensivstation.
Man kann das als Überschrift zu seiner Lebensaufgabe lesen, die ihn bis zuletzt begleitet hat:
My Shakespeare!
Robert Detobel war aber auch eine kämpferische Natur und das auch das bis zuletzt: Wir
wissen, dass es das Buch – allerdings mit Ausnahme des von ihm sehr geschätzten Aufsatzes
von Alexander Waugh – kritisch bis ablehnend sah. Er hatte noch am Telefon in der Woche
zuvor erzählt, er plane eine Zurückweisung eines bestimmten Aufsatzes zu schreiben. Dazu
kam es dann nicht mehr.
Robert Detobel ist am 22. September 2018 in Frankfurt am Main verstorben.


Elke Brackmann, Hanno Wember