Kritik
Shakespeare Handbuch

herausgegeben von Ina Schabert
Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 958 S.
5. Auflage, 2009

Ein Standardwerk im deutschsprachigen Raum; nach 1972, 1978, 1992 und 2000 jetzt in 5. Auflage vorliegend, sehr umfangreich, aber dabei „handlich". Für vieles ein nützliches Hilfsmittel auf das Shakespeareinteressierte nicht verzichten wollen oder können.

Dass die Biographie als die von Stratford erzählt wird, kann nicht verwundern. Die erheblichen Zweifel an dieser Geschichte, die in den letzten zehn Jahren immer deutlicher vernehmbar waren, finden keine Berücksichtigung.

So wird z. B. Southampton als Gönner Shakespeares bezeichnet (S.146 f.). Dafür gibt es nicht den geringsten Beleg und keinerlei dokumentarische Stütze. Es handelt sich hier um einen der vielen Zirkelschlüsse, von denen die Darstellungen der Biographie voll sind: Die Versepen (Venus und Adonis, Lucretia) sind Southampton gewidmet. Für den Bürger aus Stratford wäre diese Widmung nur möglich, wenn der Angesprochene sein Gönner war. Also war er der Gönner! Dabei fehlt jeder Nachweis darüber, dass Southampton  den Mann aus Stratford überhaupt gekannt hat. Dies wird dann nicht mehr berücksichtigt und der Leser erfährt davon auch nichts. Es handelt sich in Wirklichkeit um eine vage Vermutung, die aber als eine nicht weiter zu begründende Tatsache dargestellt wird. Ein Beispiel unter vielen anderen.

Auch in der Chronologie der Stücke wird die wissenschaftliche Entwicklung der letzten Jahre übergangen. So wird unverdrossen immer noch Stacheys Bericht als Vorlage für den Sturm zitiert, vermehrt um Jourdains Discovery of the Bermudas (S.473). Dass inzwischen ganz andere Quellen für die Beschreibung des Schiffbruchs nachgewiesen sind, wird nicht erwähnt. (Dating the Tempest und „O brave new World: The Tempest and Peter Martyr's De Orbe Novo / in: Questioning Shakespeare) . Dies darf vermutlich auch nicht erwähnt werden, weil es die ganze Chronologie, so wie sie auch vom Handbuch tradiert wird, ins Wanken bringt.

(Zur Chronologie der Stücke sei hier auch auf Peter Moore: The Lame Storyteller, -The Abyss of Time p.156 -200, verwiesen.)

Ein kurzer Abschnitt zu „Verfasserschaftstheorien" geht auch auf Oxford ein:

„Die gründlichste dabei vorurteilsfreie Widerlegung der Oxford-Hypothese findet sich bei  I. L. Matus, doch dürfte die Hoffnung trügen, dass seine Forschungsergebnisse auch zur Kenntnis genommen werden." (Dr. Ingeborg Boltz, München), (S.189).

Ob Matus (Shakespeare in Fact, New York 1994) vorurteilsfrei schreibt, ist fraglich. Sicher ist aber, dass er nicht fehlerfrei schreibt. Dass aber von Oxfordischer Seite eine gründliche Auseinandersetzung damit vorliegt, wurde -  untrüglich - von I. Boltz nicht zur Kenntnis genommen:

Authorial Rights in Shakespeare's Time, The Oxfordian, Vol. IV, 2001.
Authorial Rights, Part II Early Shakespeare Critics and the Authorship Question,The Oxfordian, Vol. V. 2002.

Matus ist ein ungeeigneter Kandidat, um als Referenz zu einer „Widerlegung der Oxford-Hypothese" zitiert werden zu können.

Er unterliegt dem gleichen Irrtum, den auch das Handbuch weiterverbreitet: "Urheberrecht der Autoren gab es nicht." (S. 199). Dies ist zu einem zentralen (aber in der interessierten Öffentlichkeit wenig bekannten) Dogma der orthodoxen Shakespeare-Forschung geworden. Es wird auch als solches präsentiert, d. h. ohne Begründung und Nachweise. Dass es nicht haltbar ist, wurde schon vor Jahren aufgezeigt:

Shakesperes Copyright, Band 6 des Neuen Shake-Speare Journals.
darin:
A. W. Pollard zu Shakespeares Kampf mit den Piraten und den eigenen Ahnungen (Robert Detobel), 2001, S.67 ff.
und
Der 22. Juli 1598: Ein Tag in der Geschichte der Stationers' Company (Robert Detobel), 2001, S.10 ff.

Auch die im Handbuch dargestellte Möglichkeit einer Theatertruppe, auf den Druck der Stücke Einfluss nehmen zu können (S. 199), beruht auf einem Irrtum. So wird auch der Eintrag bei der Druckergilde zum Kaufmann von Venedig vom 22. Juli 1598 nicht verstanden und falsch interpretiert.

Die Autorschaftsfrage und Das Shakespeare Handbuch: Die Lord Chamberlains.

Siehe ferner: Did Shakespeare's playing company own his plays?

Siehe auch die deutsche Fassung: Gehörte das Eigentum an Shakespeares Stücken wirklich seiner Schauspielergesellschaft?

Eine Diskussion des höchst selektiven Vorgehens von Irvin Matus und einiger seiner Fehler gab Richard F. Wahlen schon 1995.

Auch Hope /Holsten: The Shakespeare Controversy (2009) setzen sich ausführlich mit Matus, Looking for Shakespeare (1991) und Shakespeare, In Fact (1994) auseinander: S.113-118 bzw. S.193 f. und 196 f.

Bei der Autorität die das Shakespeare Handbuch genießt einerseits und den haarsträubenden Fehlern bei Matus andererseits muss man  fragen, ob I. Boltz hier nicht den Bock zum Gärtner gemacht hat und es ist notwendig, etwas genauer hinzusehen:

Matus ? nein Danke!
Matus: The Case of George Sandy's Translation of Ovid's Methamorphosis
Matus: The Case of George Wither.