Ein Kommenar zu Rosalind Barber:
Marlowe als Shakespeare

(Questioning Shakespeare, Critical Surwey, Vol. 2, 2009)

Marlowes Tod oder angeblicher Tod, seine Ermordung am 30. Mai 1593 ist nicht das einzige, aber gewiss das greifbarste Argument gegen die Kandidatur Marlowes als Autor der Shakespearschen Werke. Barber weist auf die Fragwürdigkeit des amtlichen Berichts zur Feststellung der Todesursache hin, um Marlowes Tod am 30. Mai 1593 anzuzweifeln. Die Zeugen dafür, dass es wirklich Marlowes Leiche war, die in St. Nicholas Church in Deptford beerdigt wurde, sind unzuverlässig. Es waren eben jene drei Männer, die mit ihm gemeinsam den Nachmittag im Hause der Witwe Bull verbrachten: Robert Poley, der Marlowe angeblich in Notwehr tötete, Ingram Frizer und Nicholas Skeres, Männer mit Verbindungen nicht nur zum Geheimdienst, sondern, was die beiden letzteren betrifft, auch zur Londoner Unterwelt. Am 18. April 1593, knapp sechs Wochen vor Marlowes Tod, wird Venus und Adonis in das Register der Druckergilde eingetragen. Barber sieht „zwingende Ähnlichkeiten" zwischen Venus und Adonis und Marlowes Hero und Leander, das am 28. September 1593 in das Register der Druckergilde eingetragen wird, jedoch erst 1598 in Druck erscheint. Sie sieht auch einen Hinweis auf eine Verbindung zwischen Marlowe und Shakespeare darin, dass Venus und Adonis ein Motto aus Ovids Amores, Buch I.15, vorangestellt ist, die Marlowe als Ovid's Elegies übersetzte. Hier allerdings kann nicht verschwiegen werden, dass sich die Autorin der „Bedeutungsbeugung" schuldig macht. Sie schreibt, Ovids Gedicht sei „Ad invidos" gerichtet, an „those who hate him", „die ihn hassen", was auf Marlowe, der sich des Vorwurfs des Atheismus zu erwehren hatte, eher zuträfe als auf Shakespeare. Marlowe selbst - im Gegensatz zu Frau Barber- übersetzt „ad invidos" richtig als „envy", „Neid" oder vielmehr „Neider". Die Schlussverse könnten einen Hinweis darauf enthalten, dass Marlowe ankündigt, über den Tod zu triumphieren, so die Verfasserin. Und hier zeigt sich eine Schwäche der marlowianischen Theorie: Sie müssen unter dem Zwang zu beweisen, dass Marlowes Tod am 30. Mai 1593 vorgetäuscht war, nach jedem Strohhalm greifen und ihn zu einem Argument hochreden. Dass der Dichter sich gegen Neider wehrt, dass er in seinem Werk überleben werde, ist ein immer wiederkehrender Topos in Widmungen oder an den Leser gerichtete Vorworte literarischer Werke. Schwerer wiegt noch, dass die Zeilen letztlich Ovids eigene sind. Marlowe hatte sie zu übersetzen. Wäre die Übersetzung merklich vom Original abgewichen, man hätte aufhorchen müssen. Marlowes Übersetzung aber unterscheidet sich nicht viel von der Ben Jonsons in seinem Bühnenstück Poetaster (1601).  Das Argument ist unerträglich überzogen. Und viele Bedeutungen werden von Barber auf der Folterbank gestreckt, bis Marlowe irgendwie zum Vorschein kommt.

Ovids 15. Elegie in Buch I der Amores ist eben ein Gedicht auf des Dichters Nachruhm. Er, der Dichter, werde in seinem Werk überleben, schreibt Ovid. Daraus ein Argument abzuleiten, dass Marlowe seinen eigenen Scheintod überlebt hätte, ist nicht überzeugend, sondern eher diskreditierend. Barber: „Die Unsterblichkeit des Dichters durch seine Verse zu zelebrieren, kann auch als buchstäbliche Anspielung auf des Dichters Triumph über den Tod gelesen werden."

Das Englische kennt das Sprichwort „It is the last straw that breaks the camel's back." "Es ist der letzte Strohhalm, der dem Kamel das Rückgrat bricht." Es scheint ein Charakteristikum der Marlowe-Theorie zu sein, nicht zu ruhen, bis sie diesen letzten Strohhalm, der ihrer Theorie das Rückgrat bricht, selbst gefunden haben. Im Folgenden einige Beispiele:

Gabriel Harveys Gorgon-Gedicht besteht aus drei Teilen. Der erste Teil endet mit dem Zweizeiler: „The hugest miracle remains behind,/The second Shakerley Rash-swash to bind." Unmittelbar vorher hat Harvey auf Marlowes Tod angespielt: „Weep Paul's, thy Tamburlaine vouchsafes to dy." So obskur Harvey gelegentlich auch sein mag, hier liegen die Dinge doch verhältnissmäßig klar auf der Hand. Der eine Shakerley, der an der Pest starb, ist zwar sehr wahrscheinlich Peter Shakerley, der bekannte Aufschneider in St Paul's Churchyard, insofern hat Charles Nicholl (The Reckoning - The Murder of Christopher Marlowe, London 1993) recht. Aber hinter diesem Shakerley spielt Harvey auf Marlowe an. Insofern hat Barber recht. Und auch Harvey kann sich hinter Shakerley verstecken. Im September 1992 hatte er den gerade verstorbenen Robert Greene attackiert, was ihm übel genommen worden war. Jetzt kann er den Vorwurf, er habe mit dem toten Marlowe das gleiche üble Spiel getrieben, mit dem Hinweis zurückweisen, er habe in Wirklichkeit Peter Shakerley gemeint. Es ist wohl dieses Gedicht, auf das Thomas Nashe hinweist, wenn  er in dem Brief an den Leser zur zweiten Ausgabe von Christ's Tears over Jerusalem kurz nach Erscheinen von Harveys Gedicht schreibt, dass Harvey „den armen verstorbenen Kit Marlow, den ehrwürdigen Doktor Perne" gemein behandelt hat. Der eine Shakerley (Marlowe) ist gestorben, der andere Shakerley (Nashe),  das größte Wunder bleibt zurück, und dieser Shakerley soll jetzt festgebunden, gezähmt werden. Bei Barber wird aus diesem „größten Wunder" mir nichts, dir nichts Shakespeares Venus and Adonis, das bei den Buchverkäufern  in St Paul's Churchyard zurückbleibt. „Nashe zu binden" könne man auch so lesen, dass Nashe „ein Buch zu binden" habe. „Interestingly, the overlooked verb 'bind' supports the argument that the 'miracle' Harvey is referring to is a recently published pamphlet." Also, „Interessanterweise unterstützt das übersehene Verb ‚bind' das Argument, dass das ‚Mirakel', das Harvey meint, ein kürzlich veröffentlichtes Pamphlet sei." Venus und Adonis also. Es gibt ein „dichtes" Lesen, es gibt ein „tiefes" Lesen, aber hier ist das „tiefe" Lesen allzu tief und mit der zu großen Tiefe verwandt, mit der manche ins Glas schauen. Ein Buch wird gemeinhin gebunden, bevor es veröffentlicht ist. Venus und Adonis ist aber schon veröffentlicht, als Harvey sein Gedicht veröffentlicht. Was soll Nashe da noch binden?

Dr. Andrew Perne, zeitweise Vizekanzler der Universität Cambridge, war Gabriel Harveys Erzfeind. Harvey hat ihn mit allen denkbaren und undenkbaren Schimpfnamen traktiert, auch vier Jahre nach Pernes Tod noch. Harvey nannte ihn einen Aal oder auch „the eel of Ely" (Dr Perne war auch „Dean of Ely"). Shakespeare hat auf diese Fehde in Love's Labour's Lost sehr wahrscheinlich angespielt, als er Don Armado bei Moths Lob für „den Aal" aus der Haut fahren lässt (die Anspielung ist von den Interpreten nie erklärt worden). In einer seitenlangen Hass-und-Lob-Tirade in Pierce's Supererogation (1593) lesen wir: „It was in him, to give instructions unto Ovid, for the repenning of his Metamorphoses anew; and he better merited the name of Vertumnus then Vertumnus himselfe." (Gabriel Harvey, Works, ed. A.B. Grosart, 1884, II. 300) Dr. Perne galt als Wendehals (daher "Aal" of Ely"). Er florierte unter dem eifernden Protestanten Edward VI., unter der eifernden Katholikin Mary I. und unter der pragmatischen Protestantin Elisabeth I., ein Mann für alle Jahreszeiten, weshalb er den Namen Vertumnus, des römischen Gottes der Jahreszeiten, mehr verdiente als Vertumnus selbst. Aber dass er es war „der Ovid Anweisung gab, seine Metamorphosen neu zu schreiben", ist ohne Zweifel ein befremdender Satz. Barber zaubert daraus fluppdiwupp eine Anspielung auf Marlowe und seine behauptete Verfasserschaft von Venus und Adonis. „Venus and Adonis is widely accepted as a 'repenning' of Book X of Ovid's Metamorphosis. Under Wraight's hypothesis we might infer that Harvey recognizes Venus and Adonis as one of those 'quaint' Cambridge experiments encouraged by Doctor Perne. ("Venus und Adonis wird weithin als eine Neufassung des zehnten Buches von Ovids Metamorphosen betrachtet. Auf der Grundlage von Wraights Hypothese können wir daraus folgern, dass Harvey Venus und Adonis als eine jener ‚entzückenden' Cambridge-Experimente sah, die Dr. Perne anregte."). Hier entfaltet die Streckbank ihre mächtige Wirkung: das zehnte Buch ist nur 1/15 von Ovids Metamorphosen, die Geschichte von Venus und Adonis beginnt recht eigentlich erst bei Vers 520 und endet bei 740. Die Geschichte bildet nicht einmal ein ganzes Drittel des zehnten Buches. Hatte Dr. Perne nicht die Neuschreibung aller 15 Bücher angeregt? Das Argument lässt sich nebenbei besser für Edward de Vere als für Marlowe verwenden. Es war de Veres Onkel Arthur Golding, ein Gelehrter, der Ovids Metamorphosen komplett übersetzte (1565). Bestimmte Oxfordianer glauben, dass der 15-jährige de Vere seine Hand im Spiel hatte. Was man auf jeden Fall festhalten kann, ist: es hat nicht nur ein Gelehrter übersetzt, sondern auch ein Dichter: jedes Buch in englischer Übersetzung fällt um ¼ länger aus als das Original. Hier hat sich ein Dichter durch Ovid inspirieren lassen und ist oft der eigenen Inspiration gefolgt. Doch auch für Edward de Vere bleibt das Argument ohne weitere Indizien etwas schwach. Erst recht in Bezug auf Marlowe.

Schließlich ein letztes Beispiel. Auf Seite 312 schreibt Harvey: „Pap-Hatchet talketh of publishing a hundred merry Tales of certaine poore Martinists: but I could here dismaske such a rich mummer, & record such a hundred wise Tales of memorable note, with such a smart Morall... But I am none of those, that utter all their learning attonce..." „Papp-Hatchet redet davon, dass er hundert lustige Geschichten über arme Martinisten veröffentlichen könnte, aber ich könnte einen solchen großartigen Mummenschanzer entlarven und hundert weise Geschichten denkwürdiger Bedeutung aufschreiben, mit einer solch klugen Moral... Aber ich bin nicht einer derer, die ihre ganze Bildung gleich ausbreiten..." Hier ist der Bezug nun völlig klar. „Papp-Hatchet" („der Brei mit der Axt verabreicht") ist John Lyly, der unter diesem Pseudonym gegen den dissidenten Martin Marprelate (ebenfalls ein Pseudonym) polemisierte (Thomas Nashe und Robert Greene waren weitere Anti-Martinisten). Auch auf der Bühne wurde gegen Martin Marprelate agiert. Die Stücke sind nicht erhalten, aber Kommentaren ist zu entnehmen, dass dabei auch wohl einen Mummenschanz aufgeführt wurde. Darauf spielt Harvey an, wenn er sagt, er können den Mummenschanzer Lyly entlarven, indem er selber hundert weise Geschichten schreibt, aber er wolle nicht gleich seine ganze Bildung auspacken. Frau Barber will hier aber wieder sofort Marlowes unter der Maske William Shakespeare herausgegebenen Venus and Adonis gesehen haben. 

Man fragt sich dann natürlich, wieso der Verleger Edward Blount Marlowes Epyllion Hero and Leander 1598 unter Marlowes und nicht Shakespeares Namen veröffentlicht hat. Und natürlich findet man nichts darüber, dass eine ganze Reihe Zeitgenossen: Nashe, Peele, Blount, Thorpe von Marlowe als verstorben reden. Das wichtigste Argument aber ist, dass es nie gelungen ist, eine glaubwürdige Gestalt zu identifizieren, in der Marlowe wieder aufgetaucht sein soll. Doch am meisten schaden sich die Marlowianer selbst durch ihren semantischen Walkürenritt.

© R. Detobel