Robert Detobel: RUNDUM  STURM

Auf einer Webseite, die ich hier nicht nennen und nur soviel über sie verraten will, dass sie zufällig unter einem Namen firmiert, der in der folgenden Darlegung als Name eines Schiffes auftaucht, war in einem ersten Kommentar zu Kurt Kreilers Buch Der Mann, der Shakespeare erfand (eine Rezension war es noch nicht, da der Kommentator das Buch erst noch lesen musste) zu hören, die These, Edward de Vere, Graf von Oxford, sei der Verfasser der Shakespearschen Werke, könne am Sturm scheitern, einem Stück, das erst nach de Veres Tod 1604 entstanden wäre. Man muss folglich davon ausgehen, dass der Schreiber dieser Zeilen die orthodoxe These über die Entstehungszeit des Sturms als über jeden Zweifel erhaben betrachtet.

 

Siehe dazu auch:

Englischer Shakespeare-Forscher widerlegt die orthodoxe Datierung des „Sturm".

Die orthodoxe These

E.K. Chambers, in William Shakespeare - A Study of Facts and Problems (Oxford 1930, Bd. I, S. 491-2) begründet die Datierung wie folgt:

"Das Stück wurde bei Hofe am 1. November 1611 und abermals im Winter 1612-13 aufgeführt. Malones Aussage, dass es 'im Herbst 1611 existierte und einen Titel trug', beruht möglicherweise darauf, dass ihm das Datum im November 1611 bekannt gewesen sei. Seine Ankündigung, er werde in seiner Überarbeitung der chronologischen Reihenfolge zeigen, dass es vor Mitte 1611 aufgeführt wurde, machte er nie wahr. Dass es nicht viel früher als 1611 geschrieben sein kann, geht aus dem Gebrauch der Berichte über den Schiffbruch Sir George Somers' vor den Bermudas während einer Reise nach Virginia am 25. Juli 1609 hervor. Mit Somers reisten unter anderen Sir Thomas Gates, William Strachey, Sylvester Jourdain und Richard Rich. Es gelang ihnen, sich von der Insel abzusetzen und am 23. Mai 1610 James Town in Virginia zu erreichen. Am 15. Juli begannen Gates, Jourdan und Rich die Rückreise nach England; bei sich hatten sie eine auf den 7. Juli datierte Depesche des Gouverneurs von Virginia, Lord Delawarr, und einen auf den 15. Juli 1615 datierten Bericht Stracheys. Eine Ballade News from Virginia (1610) von Rich wurde am 1. Oktober zum Druck angemeldet. Aber die erste vollständige Beschreibung des Lebens auf den Bermuda-Inseln scheint Sylvester Jourdans A Discovery of the Bermudas (1610) gewesen zu sein. Die Widmung dieses Buches ist auf den 13. Oktober datiert. Anschließend veröffentlichte der London Council of Virginia eine am 8. November registrierte amtliche Publikation: A True Declaration of the Estate of the Colonie in Virginia (1610). Stracheys Bericht wurde dem Geheimrat zugeleitet, aber es nicht bekannt, ob es schon vor 1625 gedruckt wurde, wenn es erschien, als A True Reportory of the Wracke and Redemption of Sir Thomas Gate in Samuel Purchas' Hakluytus Posthumus or Purchas his Pilgrimes. Strachey selbst kehrte gegen Ende 1611 zurück und war im Dezember 1613 im Blackfriars. Shakespeare benutzte ohne Zweifel die 1610 im Druck erschienenen Werke, aber zahlreiche Parallelen beweisen, dass seine Hauptquelle True Reportory war, das er, so scheint es, er nur im Manuskript gesehen haben kann."

Dies mag auf den ersten Blick als eine lückenlose Begründung erscheinen.  Doch was sind die „zahlreichen Parallelen"?

1.  Ist Bermuda notwendig?

So fragt Peter Moore [1] und verweist auf Kenneth Muirs The Sources of Shakespeare's Plays (1978). „Muir führt die drei Bermuda-Pamphlete [Jourdan, Bericht vom London Council of Virginia, Strachey] als mögliche Quellen für The Tempest an, doch er warnt: 'Das Ausmaß der wörtlichen Entsprechungen zu diesen drei Flugschriften ist, wie ich meine, übertrieben worden. Es gibt kaum einen Schiffbruch in der Geschichte oder Literatur, wo nicht das Schiff birst, seine Ladung über Bord geht, wo die Passagiere sich nicht bereits verloren geben, wo Nordwinde nicht heftig sind, und wo nicht jemand an den Strand gelangt, indem er sich an Wrackteile klammert." An anderer Stelle [2] zeigt Moore auf, dass es weitaus mehr Parallelen zwischen der Apostelgeschicht 27 und 28:12 (Reise des Paulus von Kleinasien nach Italien) und Shakespeares Stück als zwischen diesem und Strachey gibt: 1. Eine Schiffsreise durch das Mittelmeer nach Italien; 2. Das Schiff gerät in einen Sturm; 3. Jegliche Hoffnung scheint verloren; 4. Ladung wird ins Meer geworfen; 5. Ein Engel besucht das Schiff und verspricht, dass alle heil davon kommen werden; 6. Es geschieht ein Wunder (eine Otter an Paulus' Hand bleibt zahm); 7. Streit zwischen Besatzung und Passagiere; 8. Mannschaft und Passagiere müssen auf einer Insel anlegen; 9. Mehrere erreichen das Land auf Schiffstrümmern.

Bereits Karl Elze hatte auf die Vielzahl möglicher Quellen hingewiesen. „Zu den wirklichen Quellen des Sturms -  und es gab davon einen embarras de richesse - rechnen wir namentlich Eden's Historye of Travaile in the East and West Indies (1577), welcher Shakespeare den Dämon Setebos und höchst wahrscheinlich auch das Vorbild des Caliban verdankt; Raleigh's Discovery of the large, rich, and beautiful Empire of Guiana etc. (1596) Hakluyt's Reisebeschreibungen (1598), denen er gleichfalls einzelne Züge entlehnt hat); und vielleicht John Brereton's Briefe and true Relation of the Discovery of the North Part of Virginia, being a most pleasant, fruitfull, and commodious soile (1602). Nach Hunter's überzeugender Darstellung muss auch Ariost's Schilderung des Sturms (nach Sir John Harrington's Uebersetzung 1591) hierher gezogen werden; Shakespeare's Anlehnung daran wird sich schwerlich bezweifeln lassen." [3]

Was das Elmsfeuer betrifft, könnten zum Beispiel Erasmus Dialoge als Quelle gedient haben. Und es gibt noch weitere mögliche Quellen.

2. Ist Bermuda notwendig?

E. K. Chambers nennt eine andere wichtige Quelle - viel wichtiger als der Strachey-Bericht. Wir kämen, schreibt er, den Quellen wahrscheinlich näher in den Szenarien „für die commedie dell' arte, die von Neri auf der Grundlage des Casano MS. 1212 in Rom gedruckt worden sind. Von diesen gibt es vier; La Pazzia di Filandro, Gran Mago, La Nave, Li Tre Satiri. In all diesen Szenarien kommen schiffbrüchige Besatzungen auf einer Insel vor, und es kommt zu Liebesbeziehungen zwischen den Adeligen und den eingeborenen Mädchen; auch komische Geschichten über den Hunger und die Gier der Seeleute sind eingewoben. Diese werden noch verwickelter durch das Eingreifen eines Magiers, der über die Insel herrscht. Die größten Ähnlichkeiten mit Tempest finden sich in Li Tre Satiri, in denen die Fremden für Götter gehalten werden, wie Trinculo von Caliban, und Pantalone und Zanni stehlen das Buch des Magiers, was Trinculo und Stephano für Prosperos Buch planen. Der Magier tritt auch in anderen scenari auf, die ungedruckt geblieben sind, und in einem von ihnen entsagt Pantalocino wie Prospero am Ende seiner Zauberkunst." [4]

Ein anderes in Frage kommendes Szenario einer Commedia dell'Arte erwähnt Chambers nicht: Arcadia Incantata, das ebenfalls mit einem Schiffbruch beginnt, in dem ein Magier und außerdem ein ihm dienender Geist auftritt. [5]

3.  Ist Bermuda notwendig?

Die Bermudas werden nur an einer einzigen Stelle erwähnt, und zwar, wenn Ariel in Akt I, Szene II, Zeilen 226-9 sagt:

                                                     Safely in harbour
            Is the King's ship; in the deep nook where once
            Thou callest me up at midnight to fetch dew
            From the still-vex'd Bermoothes, there she's hid;

Die Arden-Ausgabe merkt dazu an, dass dies die einzige Stelle ist, wo die Bermudas im Stück erwähnt sind. Das Schiff des Königs ist nun aber keinesfalls nahe den Bermudas verborgen, sondern auf irgendeiner Insel im Mittelmeer. In seinem im September 2011 erscheinenden Buch The Shakespeare Guide to Italy hat Richard Roe die Insel und gar die Nische („nook") identifiziert, eine Grotte nämlich, und die Grotte gehört zu den bevorzugten Orten der Geister in der Commedia dell'Arte. Die Arden-Ausgabe merkt auch an, dass die Bermudas der Name eines verrufenen Londoner Viertels war. Es lag in Westminster zwischen Covent Garden, St Martin's Lane und dem Strand. Ben Jonson erwähnt den Londoner Bezirk einige Male, zweimal in The Devil is an Ass, II.1 und III.3, und einmal in Bartholomew Fair, II.6. Im letzteren Stück heißt es: „Schau in gleich welchen Winkel unserer Stadt, die Streights oder die Bermudas, ... und wie sich die Zeit vertreiben, mit Flaschenbier und Tabak."[6] „Still-vex'd" ist gelegentlich als „distill-vexed", auf das Destillieren von Alkohol fixiert, ausgelegt worden. Es hätte dann allerdings „ 'still-vex'd" geschrieben werden müssen. Die Erklärung ist auf keinen Fall gänzlich überzeugend. Für den Geist Ariel wäre es nicht schwierig gewesen, von einer Mittelmeerinsel mal raketengleich zu den Bermudas hinüber zu fliegen. Eine andere mögliche Erklärung ist: Der Londoner Bezirk leitete seinen Namen metaphorisch von den Bermudas ab, der Geist Ariel sollte tatsächlich „Tau", „Getränke" aus dem Londoner Viertel holen, aber Shakespeare drehte die metaphorische Richtung vom Londoner Viertel, dem Viertel der sozial Schiffbrüchigen, zu der Inselgruppe, dem Ort der Schiffbrüche, um.

Da nur ein einziges Mal von den Bermudas die Rede ist, der Schiffbruch in Shakespeares Stück außerdem eindeutig irgendwo im Mittelmeer hat stattfinden müssen, so fragt man sich doch, wie sich die Forschung so lange darauf beharren konnte, den Schiffbruch im Sturm zu den Bermudas zu verlegen? Dazu auch noch ein Schiffbruch, der von einem übernatürlichen Geist ausgelöst sein soll? Es sei denn, Ariel hat sich bei der Auslösung des Schiffbruches des geheimnisvollen Taus der Bermudas bedient. Der Flug der Shakespeareforschung zu den Bermudas ist fast noch übernatürlicher als der Ariels, so Shakespeare es wirklich so gemeint hätte, dass Ariel zur Inszenierung seines Schiffbruches im ersten Akt Tau von den Bermudainseln geholt hätte.

Aber...

4. Ist Bermuda notwendig?

In seinen einleitenden Betrachtungen zur Arden-Ausgabe des Stückes weist Frank Kermode in einem Halbsatz auf die „strong echoes" („deutliche Anlehnungen") an Vergils Aeneis hin und stellt in einem wohlklingenden, aber nicht sonderlich gehaltvollen Satz die Verknüpfung mit der Neuen Welt her, von der, abgesehen von einem äußerst flüchtigen Hinweis auf die Bermudas, im ganzen Stück nichts zu finden ist: „... all dies spiegelt die philosophische Haltung der Alten gegenüber der Neuen Welt wider, den Versuch, das natürliche Leben der Neuen Welt zu lesen, sowie die Ethik des Reisens im Lichte all dessen, was in der Vergangenheit über die fremde und paradiesische Natur von Inseln, Menschen ohne Zivilisation und schicksalhafte Reisen verzeichnet worden ist." [7]

            Man darf bei allem löblichen Festhalten am Überlieferten und Kolportierten und dem ebenso zu preisenden beharrlichen Wiederkauen und Mampfen der Menus derselben dennoch nicht die guten wissenschaftlichen Tischmanieren verlieren. Auf die Szenarien der Commedia dell' Arte mit ihren Schiffbrüchen, von einfachen, unverdorbenen Leuten bevölkerten Inseln, Magiern und Geistern geht Kermode mit keinem Wort ein. Und die Bezüge zu Vergils Aeneis werden unter Verweis auf  II.1.74-97 zwar bejaht, aber sie werden kaum mehr als gestreift.

            Richard Roe dagegen rückt sie ins Zentrum seiner Analyse. [8] Das Erstaunlichste an der Seeroute König Alonsos sei, so Roe, dass sie in der Weltliteratur schon einmal beschrieben worden sei, und zwar in Vergils Aeneis. Shakespeare selbst weist in II.1 ausdrücklich drauf hin:

GONZALO.
Methinks our garments are now as fresh as when  we put them on first in Afric, at the marriage of the King's fair daughter Claribel 
to the King of Tunis.
SEBASTIAN.
'Twas a sweet marriage, and we prosper well in our return.
ADRIAN.
Tunis was never grac'd before with such a paragon to their queen.
GONZALO.
Not since widow Dido's time.
ANTONIO.
Widow! a pox o' that! How came that 'widow' in? Widow Dido!
SEBASTIAN.
What if he had said 'widower Aeneas' too? Good Lord, how you take it!
ADRIAN.
'Widow Dido' said you? you make me study of that: she was of Carthage, not of Tunis.
GONZALO.
This Tunis, sir, was Carthage.
ADRIAN.
Carthage?
GONZALO.
I assure you, Carthage.
ANTONIO.
His word is more than the miraculous harp.
SEBASTIAN.
He hath rais'd the wall, and houses too.[9]
ANTONIO.
What impossible matter will he make easy next?
SEBASTIAN.
I think he will carry this island home in his  pocket, and give it his son for an apple.
ANTONIO.
And, sowing the kernels of it in the sea, bring forth more islands.
GONZALO.
Ay.
ANTONIO.
Why, in good time.
GONZALO.
Sir, we were talking that our garments seem now as fresh as when we were at Tunis at the    marriage of your daughter, who is     
now Queen.
ANTONIO.
And the rarest that e'er came there.
SEBASTIAN.
Bate, I beseech you, widow Dido.
ANTONIO.
O, widow Dido! Ay, widow Dido. 

Die Reise im Sturm geht von Tunis nach Neapel. Das damalige (und heutige) Tunis liegt nur wenige Meilen vom antiken Karthago entfernt, das heute ein Vorort von Tunis ist. Ziel Alonsos ist Neapel; Ziel des Aeneas ist Latium, aber im dritten Buch prophezeit ihm ein Seher, dass er nicht direkt Italien ansteuern soll, sondern erst eine lange Seereise hinter sich bringen muss, dabei die sizilische Küste entlang segeln soll, um in Cumae vor Anker zu gehen. Cumae liegt nur wenige Meilen nordwestlich von Neapel entfernt. Die Reisen des Aeneas und des Alonso sind praktisch identisch. Beide, so Roe, würden die Seereise im Golf von Tunis beginnen und etwa 110 Meilen Luftlinie fahren, bis sie die Küste Siziliens erreichten. Im sizilianischen Hafen Trapani (in der Antike: Drepanum) würden sie halt machen. Dann würden sie in Uhrzeigersinn um die Nordküste Siziliens segeln, um dann ab Palermo eng entlang der sizilianischen Küste zu segeln und dabei auch die Seestraße zwischen der sizilianischen Küste und den Äolischen Inseln (auch Liparische Inseln genannt) durchqueren. Die Inseln sind nach dem Windgott Aiolos benannt. Im ersten Buch der Aeneis befiehlt Juno (Hera) dem Windgott, einen heftigen Sturm gegen Aeneas' Schiffe zu entfesseln.

Eine dieser sieben vulkanischen Äolischen Inseln, die nächste zur sizilianischen Küste, ist Vulcano: Prosperos Insel, schreibt Roe. Im achten Buch der Aeneis (415-425) wird sie Vulcania genannt:

Jetzo der feuergewaltige Gott zum Werke der Schmiede.
Neben Sikaniens Strand beim aiolischen Lipara hebt sich
Jäh aus dem Meer ein Holm, hochragend mit dampfenden Felsen.
Hohl ist unten der Grund; von kyklopischen Essen zerklüftet,
Donnert die Schlucht gleich Aitnas Schlund. Man hört, wie vom Amboss
Wuchtiger Taktschlag dröhnt; es zischen der Chalyber Tiegel
Rings aus den Höhlen; es ächzt und saust in den Öfen die Lohe.
Dies ist Vulcanus' Haus, Vulcania nennt man das Eiland.
Dorthin stieg von den Höhn des Olympos der Feuergewalt'ge.
Eisen verschmiedeten hier in der mächtigen Kluft die Kyklopen.[10]

In der Tat findet sich die Topografie Vulcanos in Shakespeares Landschaftsangaben unverkennbar wieder: der übel riechende, mit einer Schwefelschicht überzogene Pfuhl, in dem Stefano, Trinculo und Caliban waten (IV.1: Ariel: „endlich ließ ich/Im grünen Pfuhl sie, jenseits Eurer Zelle,/Bis an den Hals drin watend, daß die Lache/Die Füße überstank); die gelben Sände (I.2: Ariel: „Kommt auf diesen gelben Sand"); die Fumarolen genannten vulkanische Exhalationen, aus dem Wasser austeigenden Dampfaustritte, (I.2: Miranda: „Der Himmel, scheint es, würde Schwefel,/Wenn nicht die See, zur Stirn der Feste steigend,/Das Feuer löschte."); die Beeren, von den Caliban in I.2 spricht, sind die auf Vulcano üppig blühenden Maulbeeren (Caliban: „Wie du erstlich kamst,/Da streicheltest du mich und hieltst auf mich,/Gabst Wasser mir mit Beeren drein..."), und einiges mehr.

Wer Roes akribischen Nachweis liest, wähnt die kritische Shakespeareforschung, wenn sie wortereich von den Bermudas redet, in Urlaub auf irgendeiner sonnigen Ferieninsel, wo sie gedanken- und sorglos wandert, in Bermudas, und von wo sie ihre Ansichtskartengrüße in alle Welt verschickt.

5. Ist Bermuda notwendig?

Ja, es ist unbedingt notwendig, wenn man unbedingt das Entstehungsjahr 1611 untermauern will. Denn die erste mit Sicherheit bekannte Aufführung des Sturms fällt ins das Jahr 1613 anlässlich der Heirat der Prinzessin Elisabeth, Jakobs I. Tochter, mit Friedrich IV., Kurfürst von der Pfalz. Ob dies die Erstaufführung sein könnte?

Nein, wird die orthodoxe Forschung antworten, eine Aufführung fand bereits Allerheiligen 1611 statt. Aber diese Aufführung war vom Anfang an umstritten, weil sie auf Dokumenten beruhte, den „Revels Accounts" (die Aufzeichnungen des Amtes für Unterhaltung bei Hof), die 1842 in einem verstaubten Keller von Peter Cunningham, einem notorischen Fälscher und Adlatus des noch notorischeren Fälschers John Payne Collier, entdeckt wurden. Von 1584 an fehlen alle derartigen Dokumente; just für die Jahre, die die orthodoxe Chronologie belegten, tauchten sie auf. Samuel A. Tannenbaum, kein Anti-Stratfordianer, hat die Echtheit vehement bestritten. Seine Einwände wurden zwar weggeredet, um nicht zu sagen: exorziert, dünken uns jedoch nicht ausgeräumt. [11]

Aber auch damit wäre es noch nicht bewiesen, dass die Aufführung von 1611 die Erstaufführung war.

Deshalb ist Bermuda, ist der Strachey-Bericht notwendig. Wenngleich auch dieser Beweis, gelinde gesagt, löcherig bleibt. Es ist keineswegs sicher, dass Stracheys Bericht schon 1610 vorlag. Die Rede war 1610 von einem privaten Schreiben an eine Hofdame; und selbst dass dieser Brief bereits 1610 in England angekommen sein könnte, ist sehr zweifelhaft. [12]

6. Kontraindikationen I

Die wichtigste Kontraindikation ist selbstverständlich, dass sich der Sturm im Mittelmeer und auf einer Insel im Mittelmeer abspielt, während die Bermudas nur einmal beiläufig erwähnt werden. Was die Entstehungszeit betrifft, hat Karl Elze das Jahr 1604 vorgeschlagen. Er beruft sich auf eine von ihm vermutete Anspielung in Akt III, Szene 2 von Ben Jonsons Volpone, das 1605 geschrieben wurde. „all our English writers,/I mean such as are happy in the Italian,/Will deign to steal out of this author, mainly:/Almost as much as from Montaignié", woraus er schließt, dass der Sturm vor 1605, spätestens 1604 geschrieben worden sein muss. Anderseits habe Shakespeare eine Stelle aus der 1603 vom schottischen Dichter William Alexander, dem späteren Earl of Stirling, veröffentlichten Tragödie Darius übernommen (umgekehrt wäre allerdings ebenso denkbar). Der Kern seiner Ansetzung im Jahr 1604 ist jedoch ein anderer Umstand. Elze akzeptiert, dass Prosperos Epilog Shakespeares Abschiedsrede von der Bühne darstellt. [13] Shakespeare habe, so Elze, nach 1604 nichts mehr geschrieben.

7. Kontraindikationen II

Zu Recht wohl vermutet Elze, dass Ben Jonson „auf den Sturm einen besonderen Zahn gehabt zu haben scheint". [14] Und es hat weiter den Anschein, dass er, viel deutlicher als in Volpone, sein Mütchen in einem anderen Stück, einer Koproduktion von ihm, John Marston und George Chapman, gekühlt habe: in Eastward Ho!, das 1605 zum Druck angemeldet wird. Welche Teile von wem sind, lässt sich einigermaßen zuverlässig bestimmen. Die nur lose mit dem Kontext verbundenen, ziemlich schlagartigen Anspielungen auf Shakespeare-Stücke deuten auf John Marston als Verfasser der beiden ersten Akte hin; der dritte Akt erinnert an George Chapmans Komödien An Humourous Day's Mirth und Monsieur d'Olive; Akt IV und V deuten auf Ben Jonson hin.

Was an dieser „City-Komödie" selten thematisiert wird, ist, dass sie durchwirkt ist mit zahlreichen Anspielungen auf Shakespeare-Stücke: Richard III., Heinrich IV, Kaufmann von Venedig, Hamlet... und wohl auch Der Sturm. In Akt III, Szene 2 fragt eine Dame namens Gertrud, also mit dem gleichen Vornamen wie die Königin in Hamlet, ihren Knecht unvermittelt: „Hamlet, are you mad?" Die gleiche Szene enthält noch eine Persiflage auf das Lied, das die wahnsinnige Ophelia singt (IV.4), um nur einige wenige Allusionen auf Shakespeare anzuführen. [15]

Was bisher ebenfalls wenig thematisiert worden ist: Ben Jonson, und mit ihm Chapman und Marston, knüpft an das Experiment wieder an, das er nach Every Man Out of His Humour (1599) oder spätestens Poetaster (1601) zeitweise abgebrochen hatte. Jonson hatte mit seinen frühen Komödien (auch Every Man in His Humour und The Case is Altered gehören dazu) versucht, eine alternative Form der Komödie zu der Shakespearschen romantischen Komödie zu begründen. Nicht von ungefähr heißt eine der Hauptpersonen Gertrud, tritt ein Hamlet auf und wird eine andere Hauptperson, ein Goldschmied, nach dem Narr in As You Like It Touchstone benannt. Gewiss, Touchstone ist ein sehr passender Name für einen Goldschmied. Doch zugleich kondensiert sich in diesem Namen Jonsons Programm und das Anliegen von Eastward Ho! Wider die romantische Komödie und auch die Shakespearsche Tragödie soll eine realistische, erdnahe und London-nahe Komödie geschrieben werden. Der Kontrast zu den Shakespearschen Bühnenstücken wird durch die Wahl von Namen und Verfremdung von Situationen in diesen Stücken unterstrichen. Touchston ist kein Narr, sondern ein realistisch und nüchtern denkender Goldschmied; Hamlet ist ein einfacher Knecht, der als leicht verrückt dargestellt wird; Ophelias Wahnsinnsszene wird von Gertrud auf dem Dachboden nachgeahmt; usw.

In der ersten Szene von Akt IV werden dann auch die beiden ersten Szenen des Sturms auf City-Dimensionen zurückgeschraubt. Der Sturm findet auf der Themse statt. Bericht erstattet nicht wie in I.2 vom Sturm der hoch in den Lüften schwebende Geist Ariel, sondern ein Metzgerlehrling namens Slitgut von einem hohen Baum aus, dessen einziges übernatürliches Merkmal ein Paar Ochsenhörner sind, die er anlässlich der Begehung vom Fest des Heiligen Lukas trägt. Sein Bericht:

Up then; heaven and Saint Luke bless me, that I be not blown into the Thames as I climb, with this furious tempest. 'Slight! I think the devil be abroad, in likeness of storm, to rob me of my horns! Hark how he roars! Lord! What a coil the Thames keeps! She bears some unjust burthen, I believe, that she kicks and curvets thus to cast it.... And now let me discover from this lofty prospect, what pranks the rude Thames plays in her desperate lunacy. O me! here's a boat has been cast away hard by. Alas, alas! see one of the passengers labouring for his life to land at this haven here! Pray heaven he may recover it!...

Ariels Bericht in I.2:

                                                             Not a soul
              But felt a fever of the mad, and play'd
              Some tricks of desperation. All but mariners
              Plung'd in the foaming brine, and quit the vessel.
              Then all afire with me: the King's son, Ferdinand,
              With hair up-staring, - then like reeds, not hair,-
              Was the first man that leap'd; cried, "Hell is empty,
              And all the devils are here.

8. Kontraindikationen III

1839 widersprach Joseph Hunter Edmund Malones Datierung des Sturms. [16] Hunter erklärte „den Sturm für ein Erzeugnis der mittleren Periode Shakespeare's". [17] Er entscheidet sich für das Jahr 1596. „Sein Hauptargument bildet der Prolog zu Every man in His Humour, in welchem er (und nicht er allein) unzweideutige Anspielungen auf Shakespeare überhaupt und insbesondere auf den den Sturm erblickt. Dieser Prolog wurde nach ihm bei der ersten Aufführung des Stückes auf dem Rose-Theater gesprochen... Das ist jedoch nichts weiter als eine subjective Behauptung, die durch keinerlei Gründe unterstützt ist, und es fehlt jeder Anhaltspunkt, um das Datum des Prologs zu bestimmen, da derselbe in der Quarto von 1601 fehlt und zuerst in der Folio von 1616 erscheint - jedenfalls ein sehr bedenklicher Umstand." [18] Auch Kermode verwendet dieses Argument gegen Hunter. [19]

Sowohl Karl Elze als Frank Kermode haben jedoch eine Evidenz übersehen, die ihr eigenes Gegenargument nicht unerheblich schwächt. Es könnte ja durchaus sein, dass der Prolog existierte und, wenn nicht bei der Erstaufführung gesprochen, in Manuskript existierte. Das wäre nicht mehr als eine unbewiesene oder gar grundlose ad hoc-Annahme, wenn nicht nachweisbar wäre, dass Jonsons Stückeschreiberkollege Thomas Dekker einige Sätze aus dem Prolog kannte. In Satiromastix, Dekkers im November 1601 zum Druck angemeldete Satireretourkutsche gegen Jonsons Poetaster, sind zahlreiche nicht wörtliche Zitate aus Jonsons frühen Stücken enthalten. Sie werden kursiv gedruckt. [20] Zur Orientierung sei ein Beispiel gegeben. In Satiromastix, V.2 sagt Crispinus (John Marston) zu Horaz (Jonson): „Of divine Poesie herein most she missed,/Thy pride and scorn made her turn Satirist,/And not her live to virtue (as thou preachest)". Angespielt wird auf III.4 von Jonsons Cynthia's Revels: "... nor would I have/Virtue a popular regard pursue./ Let them be good that love me though but few."

Eine weitere Anspielung findet sich in Satiromastix, V.2:

Rase down his usurpation to the ground,
True poets are with arte and nature crown'd.

Nur eine einzige Entsprechung lässt sich dafür in Jonsons Werk finden:

            Though neede make many Poets, and some much
            As art, and nature have not betterd much;

Die Zeilen stehen am Anfang des Prologs von Every Man in His Humour!

9. Kontraindikationen IV

John Lylys Stück Gallathea wurde 1585 geschrieben. Verschiedentlich ist auf einen möglichen Einflusses dieses Stückes auf den Sturm hingewiesen worden. Das Gespräch zwischen Tyterus und seiner Tochter Gallathea in I.1 besitzt in der Tat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem zwischen Prospero und Miranda in I.2 des Sturms. Auch Lylys Stück scheint von der Commedia dell'Arte inspiriert: ein Schiffbruch, ein komisches Paar, ein Alchimist und ein Augur, die behaupten, über übernatürliche Fähigkeiten zu verfügen.

Weiter ist darauf hingewiesen worden (u. a. von Nicolas Delius in den 1870er Jahren, wenn ich mich recht erinnere), dass für die späten Stücke wie für die frühen Komödien eine gewisse Prävalenz euphuistischer Sprache feststellbar. Eine analoge Feststellung traf Wolfgang Clemen für Shakespeares Bildersprache.

10. Keine Kontraindikationen: Der Schiffbruch von 1593

Der Schiffbruch des Schiffes Edward Bonaventure im Jahre 1593 wird von bestimmten Oxfordianern gern als weiteres Indiz für Oxfords Verfasserschaft gewertet. Dabei handelt es sich um einen Irrtum. Oxford wollte das Schiff zwar für Martin Frobishers geplante Expedition 1581 kaufen, er hat es aber nicht gekauft, wohl deshalb nicht, weil Frobisher im Frühjahr das Kommando niederlegte. Der Name des Schiffes, der um 1550 gewählt worden sein dürfte, geht auf König Edward VI. zurück, nicht auf Edward de Vere, dessen Vorname wiederum gewählt sein dürfte, weil Edward VI König war. Mehr Einzelheiten zu Oxford, Frobisher und der Fenton-Expedition finden Sie auf dieser Webseite hier:

ENDE


© Robert Detobel 2011
Abbildung: Elizabeth Shippen Green (1871 - 1954)


[1] Moore, Peter, „Der Abgrund der Zeit - Die Chronologie der Shakespeare-Stücke", in NSJ, Band 4, S. 51ff.; ders. in, The Lame Storyteller, Poor and Despised, Buchholz 2009,  S. 189-192.
[2] http://www.shakespeare-oxford.com/?p=103
[3] Elze, Karl, „Die Abfassungszeit des Sturms" in Shakespeare Jahrbuch, Band 7, 1872, S.  37-38.
[4] Chambers, Band I, S. 493-4.
[5] Diesen Hinweis verdanke ich Dr. Richard Weihe.
[6] Es war außerdem ein Viertel, wo sich Schuldner vor ihren Gläubigern versteckten.
[7] The Tempest, Arden Third  Series, edited by Frank Kermode, London 1994 (Erstausgabe 1954), S. Xxxiv.
[8] Roe, Richard, The Shakespeare Guide to Italy - Then and Now. Das Buch erscheint im September d.J.  bei HarperCollins. Es wird hier indirekt auf der Grundlage einer im kleinen Kreis verteilten privaten Ausgabe zitiert.
[9] Eine Anspielung auf den Mythos des Sängers und Sehers Amphion,  einen Mythos, der Elemente der Mythen des Orpheus und Ödipus vereint. Amphion soll durch sein Leierspiel bewirkt haben, dass sich die Steine der Stadtmauer Thebens von selbst zusammenfügten. Gonzalo, scherzt Antonio, übertrifft mit seiner Behauptung, Karthago sei Tunis, den Amphion noch, und Sebastian hakt nach, dass Gonzalo nicht nur eine Stadtmauer errichtet habe, sondern eine ganze Stadt, Häuser einschließlich.
[10] Übersetzung nach W. Hertzberg, bearbeitet von E. Gottwein; http://www.gottwein.de/Lat/verg/aen08de.php
[11] Tannenbaum, Samuel A., Shakspere Forgeries in the Revels Accounts, New York, 1928. Eine Zusammenfassung von Tannenbaums Argumenten in: Detobel, Robert, "Eine Chronologie, eine Chronologie! Mein Pferd für eine Chronologie!" in NSJ, Band 2, 1998, S. 114-129.
[12] Roger Stritmatter und Lynn Kositsky haben sich eingehend mit dieser Fragestellung befasst. Siehe u.a.  "Shakespeare and the Voyagers Revisited" in:  Review of English Studies n.s. 58 (2007), S. 447-472; http://www.shakespearefellowship.org/virtualclassroom/tempest/kositsky-stritmatter%20Tempest%20Table.htm; http://shake-speares-bible.com/pdf/brave_new_world.pdf.
[13] Elze, Karl, a.a.O.
[14] Ebenda, S. 34.
[15] Ausführlichere Belege in Detobel, Robert, „The Testimony of Ben Jonson in Redating The Tempest, Othello, and Timon of Athens", The Shakespeare Oxford Newsletter,  Volume 40, No. 2, Spring 2004, S. 1 und 13-18.
[16] Hunter, Joseph,  A Disquisition on the Scene, Origin, Date, etc. of Shakespeare's Tempest, 1839.
[17] Elze, a.a.O., S. 30.
[18] Ebenda, S. 31.
[19] The Tempest, Arden Series, S. xv.
[20] Genauer: sie werden heute kursiv gedruckt. Zu Shakespeares Zeiten wurden sie in einem anderen Lettertyp als der übrige Text gedruckt.