THOMAS SACKVILLE, LORD BUCKHURST  (1536-1608)

Zwar hatte Delia Bacon Thomas Sackville in ihre Shakespeare & Co. eingereiht, als Einzelkandidat ist er aber erst im Herbst 2010 vorgeschlagen worden von Sabrina Feldman („The Swallow and the Crow: The Case for Sackville as Shakespeare" in The Oxfordian, Vol. 12, S. 119-137). 1561 schreibt er als Fünfundzwanzigjähriger gemeinsam mit Thomas Norton das Bühnenstück Gorboduc, ein Stück über die politische Notwendigkeit, die Thronnachfolge zu regeln. Zwei Jahre später, 1563, schreibt er die Einleitung und einen Beitrag zu The Mirror for Magistrates, eine Sammlung epischer Gedichte über den Fall hochrangiger politischer Führer. Sackvilles Beitrag handelt von dem Fall des Herzogs von Buckingham unter Richard III. Dann hatte er, so wurde bisher angenommen, sich von der Schriftstellerei ab- und der politischen Karriere zugewendet, die überaus erfolgreich verlief. 1598 wurde er Nachfolger von William Cecil, Lord Burghley, als Lord High Treasurer, was er bis zu seinem Tod 1608 blieb. Das wird, wie oben bereits erwähnt, bestätigt in The Art of English Poesie: „Thomas [Sackville] Lord of Buckhurst, when he was young."

Das ist nicht viel. Wie überbrückt Feldman die Kluft von 1563 bis 1590? Durch dreiste geistverdörrende Spekulationen, die sie im Nachgriff zu „plausiblen" Annahmen erklärt. So wurde in den 1980er Jahren zwischen diversen Abrechnungen ein Gedicht - ein einziges Gedicht! - von ihm entdeckt, das er 1574 geschrieben haben soll. Dies beweise, dass er nach wie vor der Muse zugetan gewesen sei. Wir sind dann immer noch erst im Jahr 1574.

Aber da ist wenig, wovor die Verfasserin zurückschreckt. Sie weist darauf hin, dass in Akt V, Szene 1 von Hamlet eine Stelle vorkommt, die eindeutig auf einen realen Fall im April 1554 verweist: den Selbstmord des Richters Sir James Hale. Hales Güter werden von der Krone konfisziert. Darüber kommt es einige Jahre später zum Prozess. Buckhurst, schreibt sie „is the only authorship candidate plausibly knowledgeable about and interested in the case". Von allen Kandidaten kann nur von Buckhurst plausibel angenommen werden, dass er von diesem Fall gewusst habe. Sie erwähnt natürlich Edmund Plowdens Commentaries ou Reports of Edmund Plowden nicht, die 1571 in Druck erschienen und ein Standardwerk der Rechtstheorie waren. Über den Fall Hales vs Petit, den paradigmatischen Fall für die Rechtsprechung in Selbstmordfällen, dürften bis sehr weit in die beiden nächsten Jahrhunderte hinein (William Blackstone geht noch Mitte des 18. Jahrhunderts ausführlich darauf ein) eine große Anzahl Studenten an den Inns of Court Bescheid gewusst haben. Und einem Kandidaten wird der Fall mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bekannt gewesen sein: Francis Bacon.

„Plausibel" ist das Wort, mit dem Feldman jede noch so gähnende Leere überbrückt. Buckhurst sei von Chaucers Geschichte Troilus und Cressida fasziniert gewesen. Wie viele andere Elisabethaner übrigens auch, aber wahrscheinlich keiner so fasziniert wie Buckhurst. „He plausibly wrote his own version of the story." Und wenn die Annahme plausibel ist, dass er seine eigene Geschichte über Troilus und Cressida geschrieben hat, und es ganz sicher ist, dass keine solche Geschichte unter seinem Namen existiert, dann ist es wiederum sehr plausibel anzunehmen, dass es das Stück Troilus und Cressida unter dem Namen Shakespeare ist, oder?

Bei Hofe wurde 1562 das Stück Julius Caesar aufgeführt. „Thomas Sackville plausibly wrote the early Julius Caesar..." So wird suggeriert, dass es auch plausibel ist, in ihm den Verfasser von Shakespeares Julius Caesar zu vermuten.

Buckhurst wurde 1571 als Sonderbotschafter nach Frankreich entsandt. In Love's Labour's Lost treten drei französische Adelige auf: Biron (Berowne), de Longueville und Dumain, „whom Sackville plausibly met."

Zwischen den wenigen Werken Sackvilles und Shakespeare bestünden zahlreiche wörtliche Übereinstimmungen, manchmal sind diese Übereinstimmungen „striking", manchmal auch nur „strong".  Etwa zwischen The Winter's Tale: "Our sugared sweet that did so late abound/With bittered taste ist turned to gall" (V.iii.156-9) und einer Zeile in Sackvilles „The Complaint of Henry, Duke of Buckingham" in The Mirror for Magistrates: "Now seeming sweet, turn'd to bitt'rest gall".

In Sonett 37 schreibt Shakespeare "So I made lame by Fortune's dearest spite" und in Sonett 89: "Speak of my lameness, and I straight will halt". 1587 war Buckhurst in doppeltem Sinn lahm: im übertragenen Sinne, weil ein Bär ihn getreten hatte; der Bär war der Earl of Leicester, mit dem er sich wegen dessen desaströser Politik in den Niederlanden überwarf, worauf ihm die Königin ihre Gunst entzog, was ihn politisch zeitweilig zu einer lahmen Ente werden ließ; einmal, weil ein Pferd, ein echtes, ihn getreten hatte, so dass er vorübergehend nicht gut gehen konnte.

Auf der Suche nach dem „verborgenen Dichter Buckhurst" muss sie zwangsläufig in den Sog derer geraten, die andere Kandidaten bevorzugen. Und dann sich aus diesem Sog befreien. Unter den Oxfordianern ist es schier Gemeingut, dass John Marston 1598 in einer Satire auf einen Dichter verweist, der Edward de Vere sein muss. Marston lobt diesen Dichter, von dem er schreibt, dass sein Name in einem Buchstaben eingerahmt ist. Für Edward de Vere ist das der Fall. Für Thomas Sackville, Lord Buckhurst, ist es nicht der Fall. Feldman weiß sich zu helfen. Doch der Fall, behauptet sie: Thomas Buckhurst. Nur ist Buckhurst der Titel, der Name ist Thomas Sackville. Ohne eine gewisse Beliebigkeit kann Sabrina Feldman ihren Kandidaten nicht in die erwünschte Spur zerren.

Noch an einem anderen Beispiel zeigt sich dies deutlich. In seinem Lobgedicht auf Shakespeare im First Folio spricht Ben Jonson vom „sweet swan of Avon". Die Angabe (neben dem „Stratford monument" in dem Lobgedicht von Leonard Digges) bereitet den Befürwortern der anderen Kandidaten gelegentlich etwas Kopfzerbrechen. Ob Jonson in diesem Fall wirklich den Avon meint, der durch Stratford fließt, ist nicht so sicher (siehe nächste Kandidatin). Sicher ist, dass „swan" eine Metapher für Dichter ist. Feldman erblickt nun ein zusätzliches Identifikationskriterium darin, das Lord Buckhurst das Amt eines „keeper of the queen's swans" („Schwäne-Aufseher" der Königin) im ganzen Königreich inne hatte (es betraf vorwiegend, vielleicht sogar ausschließlich, die Schwäne auf der Themse). „Avon" sei außerdem das walisische Wort für „Fluss". Welcher „Avon" (es gibt mehrere Flüsse dieses Namens in England) auch immer gemeint sein möge, und wenn's der „avon" (Fluss) Themse wäre, Buckhurst war immer im Spiel, sobald Schwäne ins Spiel kamen.

Es folgt noch eine Zugabe. Die Zugabe ist William Shakespeare aus Stratford. Ende der 1580er Jahre begann Christopher Marlowe seine Blankverse zu schreiben. Auch Robert Greene schrieb Theaterstücke. Aus der Provinz kam ein cleverer Bursche William, der bei Marlowe und Greene zu klauen begann. Und natürlich auch bei Sackville. William hatte keine Bildung, aber Humor hatte er. Literarisch waren die Stücke nicht sonderlich gut, aber sie waren unterhaltsam. So entstanden die apokryphen Shakespeare-Stücke wie Mucedorus, Fair Em, usw.  Da sah Sackville seine Chance, wieder an seine Jugend anzuknüpfen. Er bot Shakespeare an, die Stücke auf ein ordentliches literarisches Niveau aufzubürsten. Er, Sackville, würde das besorgen. Er, Shakespeare, würde diese besseren Stücke auch unter seinem Namen herausgeben. Der clevere Bursche stimmte natürlich zu. So haben wir den doppelten Shakespeare, den der Apokryphen und der verderbten oder derben Fassungen, und den wahren Shakespeare.

Miss Feldman findet es erstaunlich, dass noch niemand auf Sackville gekommen ist. Es wäre noch erstaunlicher, wenn jemand nach ihrer Beweisführung darauf kommen würde.

© Robert Detobel 2011