Ein wissenschaftlicher Ansatz zur Lösung der Autorschaftsfrage

AKA Shakespeare

Hanno Wember

Obwohl der Autor versucht, durch die erzählerische Form den üblichen Lesegewohnheiten zu entsprechen, kann die durchgängige Anwendung von Verfahren der Wahrscheinlichkeitsrechnung doch eine abschreckende Wirkung auf einige Leser haben, was bedauerlich wäre, denn es ist nicht nur ein ausgezeichnetes Buch, sondern es bietet auch ein wirkungsvolles Mittel, um die Rhetorik der Shakespeare-Orthodoxie zu untergraben. Das Ziel dieser Besprechung ist es, dies ungewöhnliche Buch Lesern näherzubringen. Und dies verdient ein ungewöhnliches Vorgehen und soll zunächst etwas anekdotisch geschehen:

Im vergangenen Juli war er nach Los Angeles geflogen. In der Ankunftshalle des Flughafens traf er unerwartet eine ehemalige Kollegin, die er seit ihrer Pensionierung nicht mehr getroffen hatte. Später ging er zu seinem Hotel, und als er einchecken wollte, traf ihn der Schlag: am Counter stand seine Schwester, die er seit drei Jahren nicht gesehen hatte. Sie hatte in L. A. studiert, aber das war lange her. Er hielt sie für eine Fatamorgana, aber es konnte kein Zweifel sein – es war wirklich seine Schwester. Am Abend ging er zu einem Konzert in der Disney Hall: Maxim Vengerov, mit Brahms und Lorin Maazel am Pult. In der Lounge traf er eine Frau, die er als seine erste Jugendfreundin Eva erkannte.

Wahrscheinlich so wenig wie ich. Und das zu Recht. Drei außerordentliche Treffen dieser Art hintereinander an einem Tag? Haben Sie so etwas selbst schon einmal erlebt? Ein einzelnes völlig unerwartetes Treffen – so etwas kommt vor. Aber drei? Im Leben nicht! Kurz: Die Geschichte hört sich völlig unwahrscheinlich an. Und tatsächlich stimmt auch nur der erste Teil. Die beiden anderen Teile sind erfunden, um Ihnen daran etwas über Wahrscheinlichkeiten zu demonstrieren.

Die meisten Menschen haben tatsächlich schon einmal völlig unerwartet einen lange nicht gesehenen anderen Menschen irgendwo wiedergetroffen. So etwas kommt vor. Aber wie wahrscheinlich ist es? Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Würfel eine 6 zu würfeln, ist 1:6. Die Wahrscheinlichkeit, die Jugendfreundin nach 20 Jahren irgendwo am anderen Ende der Welt in einem Konzertsaal zu treffen, dürfte weitaus geringer sein. Sie dürfen das gerne nach eigenem Empfinden selbst einschätzen, zum Beispiel 1:50 oder 1:1000 oder 1:10.000.

Die Wahrscheinlichkeit, mit einem Würfel bei 3 aufeinander folgenden Würfen jedes Mal eine 6 zu würfeln, beträgt 1: (6 x 6 x 6), also 1:216. Aber auch hier gilt: So etwas kommt vor, wenn auch nicht sehr oft.

Die Wahrscheinlichkeit, dass mein Freund eine ehemalige Kollegin, seine Schwester und Eva in L.A. trifft, beträgt – je nach Einschätzung – zum Beispiel 1: (50x50x50) oder 1: (1000 x 1000 x 1000), also 1:125.000 oder sogar 1:1.000.000.000 (sprich: 1 zu eine Milliarde). Fazit: im normalen Leben unmöglich.

Und deshalb hatten Sie – ohne Rechnung, sondern rein gefühlsmäßig – bei dieser unwahrscheinlichen Geschichte zu Recht große Zweifel.

Hamlet erzählt, dass er von Seeräubern überfallen worden ist. Nun ist Edward de Vere, der 17. Graf von Oxford, den etliche Forscher für den wahren Autor von Shakespeares Dramen halten, tatsächlich bei einer Schifffahrt von Seeräubern überfallen worden. Er kannte diese Erfahrung. Nur: Für den Shakespeare aus Stratford upon Avon ist keine einzige Schifffahrt belegt. Dass er je von Seeräubern überfallen wurde und Hamlets Erfahrung selbst gemacht hatte, kann man ausschließen. Oxfords Erfahrung ist hingegen belegt. Nun könnte es ja sein, dass der Shakespeare aus Stratford die Seeräuberepisode Hamlets mit dichterischer Fantasie frei erfunden hat, während in England ein Mann lebte, der die Geschichte ziemlich genau so erlebt hatte wie Hamlet, aber nichts mit dem Drama zu tun hat, wie uns gesagt wird. Die Übereinstimmung von de Veres Leben und dem literarischen Hamlet wäre dann eben reiner Zufall. Ein Zufall, sagen wir von 1: 1000. Warum 1 zu 1.000? Hier wird jeder Leser mit Recht ein großes Fragezeichen setzen. Um den Grundgedanken hier zunächst weiter entwickeln zu können, lassen wir es einstweilen stehen, betonen aber, dass die Frage weiter unten ausführlich behandelt wird, bevor wir zu Schlussfolgerungen kommen.

Edward de Vere verwendet dies Sprichwort wörtlich in seinem Brief von 3. Januar 1576 an William Cecil, Lord Burghley. Bemerkenswert ist, dass nach allgemeiner Ansicht Polonius in Hamlet im Wesentlichen als Figur dem Burghley nachgebildet ist.

Nun ist es zweifellos viel wahrscheinlicher, dass Shakespeare das Sprichwort, das allgemein bekannt gewesen sein wird, verwendet als die nur privat bekannte Seeräubergeschichte.

Dennoch bleibt es ein mehr oder weniger (un)wahrscheinlicher Zufall, dass das Sprichwort bei beiden verwendet wird und das noch in ähnlichem Kontext (Burghley – Polonius): Ein Zufall, der aber nicht ganz so unwahrscheinlich ist wie im ersten Beispiel; sagen wir 1:50 oder gar nur 1:10.

Glauben Sie das? Sie werden es so wenig glauben wie die unwahrscheinliche Geschichte aus L. A. – denn es ist absurd, so etwas für Zufall zu halten.

Alle drei oder vier Beispiele kann die Oxford-These aus dem biographischen Hintergrund oder der Herkunft de Veres erklären ohne irgendwelche Zusatzannahmen.

Die Stratford These – oder die These jedes andern Kandidaten – kann jedes Beispiel auch erklären, aber nur als zufällige Übereinstimmung mit den bekannten Fakten aus de Veres Biographie. Für jedes Beispiel ist der – im Prinzip mögliche – Zufall zu einer Erklärung zu bemühen. Für die Gesamtheit der Beispiele zusammen ist das nicht mehr möglich. Die Wahrscheinlichkeit schrumpft auf einen vollkommen unwahrscheinlich kleinen Betrag.

Die Grundregel der Wahrscheinlichkeitsrechnung besagt, dass sich die Wahrscheinlichkeiten von unabhängigen Einzelereignissen multiplizieren. Wer meint, das ignorieren zu können und, dass es möglich sei, jedes der Beispiele mit dem Zufall erklären zu können, ohne die Häufung der Einzeltatsachen zu berücksichtigen, verstößt nicht nur gegen den gesunden Menschenverstand, sondern zeigt auch einen überraschenden Mangel an Grundkenntnissen der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Aber das Beste kommt noch: Es sind hier nur drei Sachverhalte angeführt. Man könnte mühelos 30 anführen und die Fachleute sogar weit mehr als 100. Können Sie sich vorstellen, wie groß dann die Wahrscheinlichkeit wäre, dass das alles nur Zufall ist? Sie wäre unvorstellbar winzig. Irgendwo bei 10 hoch minus 48.

Es gibt hier vielleicht den Einwand, dass die geschilderten »Ereignisse« von zufälligen (Wieder)-Treffen nicht mit literarischen Texten vergleichbar wären. Der Einwand ist unbegründet. Ist das Werfen eines Würfels mit einem zufälligen Treffen am Flughafen vergleichbar? Nicht die Ereignisse werden verglichen, sondern der Zufall, dem sie unterliegen. Und für Zufälle gelten die Gesetze der Wahrscheinlichkeit.

Das Schreiben eines Textteils ist ein »Ereignis«. Wenn zwei Personen unabhängig voneinander einen gleichen oder sehr ähnlichen Textteil schreiben, wird es mit recht als Zufall angesehen, dass die »Ereignisse« eingetreten sind. Vom Zufallsaspekt gibt es keinen Unterschied zum Ereignis »6« beim Werfen eines Würfels, und bei mehreren »Ereignissen« sind die Gesetze der Wahrscheinlichkeit gültig.

Bei Textelementen wird bei Gleichheit oder Ähnlichkeit zwar in der Regel eine Abhängigkeit vermutet, aber das wird von der Stratford-Theorie ausgeschlossen, die eine Erklärung im Zufall sucht. Wenn die Ereignisse aber unabhängig voneinander sind und nur zufällige Ähnlichkeiten auftreten, gelten die Gesetze für Zufallswahrscheinlichkeiten.

Und das bieten die in der Astrophysik zur Hypothesenprüfung entwickelten Verfahren, die auf »Bayes Theorem« beruhen und als »Basin Procedure« zur Anwendung kommen. Die mathematischen Grundlagen sind in den Anhängen des Buches dargestellt und hergeleitet. Dies wird dem normalen Leser nicht leicht oder gar nicht zugänglich sein. Aber darauf kommt es nicht an.

James liefert die notwendigen Hintergrundinformationen für jedes einzelne Gebiet.

Auch wenn zu Vielem nichts Sicheres bekannt ist, sind mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie doch einige Aussagen möglich.

So wird als erste die Frage behandelt: War Shakespeare lahm?

Nach Hintergrundinformationen aus den Sonetten (vor allem 37 und 89) kann die Frage nicht eindeutig beantwortet werden. Zumindest kann es nicht völlig ausgeschlossen werden, dass – hinter der metaphorischen Verwendung des Begriffs der Lahmheit – der Autor lahm war. Obwohl die Beweise für diese Auslegung fehlen, ist die Wahrscheinlichkeit dieser Übereinstimmung sicherlich höher als Null.

Eine Beschreibung des weiteren Verfahrens wird hier gegeben.

Wird das Buch aber die ihm zukommende Beachtung erfahren und die mögliche Wirkung entfalten?

Wohl kaum. Zunächst wird »Stratford« sich an die bisher geübte Taktik halten und das Buch ignorieren, da eine Auseinandersetzung damit nur negativ für die Stratford-Theorie ausgehen würde. Die zu befürchtende geringe Verbreitung und Rezeption des Buches ist aber nur teilweise darin begründet, denn ungeachtet des genialen Griffs und der überzeugenden Methode hat das Buch doch auch Schwächen, die dazu führen mussten, das nur wenige es richtig lesen und seine Tragweite einschätzen.

In dem locker und amüsant geschrieben Text fällt zunächst auf, dass die beiden Protagonistinnen Beatrice und Claudia, die keinerlei spezielle Vorbildung für Mathematik und Statistik aufweisen, sehr schnell in der Aufnahme der für sie neuen Methoden sind und offenbar keinerlei Schwierigkeit haben, alles, was Martin und James vorstellen und erläutern, sofort zu verstehen. Hier sind sie für den Fortgang das Buches angenehme Gesprächspartnerinnen für die beiden Herren, sie hätten aber viel eher auch Repräsentanten des durchschnittlichen Lesers sein sollen, der erheblich größere Verständnisprobleme haben wird.

Dazu wäre es sehr wünschenswert, dass wenigstens bei der ersten Berechnung der »post probabilitis« auf Seite 46 der Rechengang nachvollziehbar offengelegt würde: d. h. die Formel (S. 45) einmal ohne ∑- Zeichen entwickelt, also mit Zahlwerten ausgeschrieben würde und der interessiert Leser auch die Rechnung der Formel B.17 (S. 301) mindestens im Anhang wenigstens einmal an einem Beispiel mit einem Taschenrechner selber nachvollziehen könnte (es werden nur die vier Grundrechenarten benötigt).

Diese – für die Zielgruppe – didaktischen Ungeschicklichkeiten, betreffen den wissenschaftlichen Rang und die überzeugenden Ergebnisse nicht, stehen aber einer wünschenswerten Verbreitung des Buches sehr im Wege. Viele potentielle Leser werden spätestens auf Seite 46 aufgeben, da sie meinen, dass sie nicht genug von mathematischer Statistik verstünden. Das ist sehr schade. Es führt vermutlich dazu, dass die wirklich Interessierten es nicht lesen. (Diejenigen, die es leicht lesen könnten, weil sie mit den mathematischen Inhalten und Schreibweisen kein Problem haben, werden es wahrscheinlich auch nicht lesen, da sie an der Autorschaftsfrage um Shakespeare nicht so sehr interessiert sind.)

Peter A. Sturrock
AKA Shakespeare
A Scientific Approach to the Authorship Question
Palo Alto, Exoscience, 2013, 320 Seiten
ISBN 978-0-9842614-1-3