Weiße Heringe im Walde

Monate bevor Nelsons Buch erschien, bearbeitete Christopher Paul zahlreiche Originaldokumente aus der Zeit 1600-1620, darunter auch die, auf die sich Alan Nelson in seinem Schlusskapitel von Monstrous Adversary bezieht, und folglich auch auf den nachstehenden Brief vom 16. September 1604 des elf Jahre alten Henry de Vere, 18. Earl of Oxford . Auf Chris gehen im Wesentlichen die folgenden Informationen zurück. Einige wenige reichen aus, den nachfolgenden Brief zu verstehen:

Bis ca. 1520 hatte das Haus Oxford Anspruch auf die "keepership" (Aufseher- oder Wärterschaft) des Waltham-Waldes und des Parks von Havering. Das Thema wird in den Briefen Edward de Veres einige Male angeschnitten. Elisabeth I. verweigerte ihm jedoch die Wiedereinsetzung in dieses Recht. Im Juli 1603 bewilligte Jakob I. sein Gesuch. Als seinen Beauftragten setzte Oxford John Manwood ein. Doch ein anderer, Sir John Grey of Pirgo (weil der Name Grey oder Gray so häufig vorkam, wurde immer ein Ortsname zur Differenzierung angehängt: Grey de Wilton, usw.; hier: Pirgo, eine Ortschaft in der Grafschaft Essex) erhob ebenfalls Anspruch auf das Amt. Auch Sir John Grey hatte einen Beauftragten, Anthony Wytheringe (im Brief als „wytheringes" geschrieben). Dieser Wythering hatte nun einen Diener des Grafen von Oxford (vermutlich John Manwood) verhaftet und eingesperrt (im Brief Henry de Veres: „my servant") Dieser Wytheringe wurde vor das Waldgericht („Court of the Forest") geladen, weigerte sich aber der Vorladung Folge zu leisten mit der Begründung, sein Vorgesetzter Sir John Grey würde die Angelegenheit unmittelbar mit König Jakob I. erörtern.

Für den Wald galt eine eigene Gerichtsbarkeit, der „Court of the Forest" mit je einem eigenen Oberrichter für die Gebiete nördlich und südlich des Flusses Trent. Diese Funktion eines „Chief Justice of the Forest" war ein prestige- und wohl auch einkommensträchtiges Amt, das, wie man aus der Liste der Amtsinhaber ersehen kann, nur einflussreichen Höflingen vergeben wurde. Bis 1588 war es der Earl of Leicester, Lord Steward, danach der 2. Baron Hunsdon, Lordkämmerer,  und nach diesem Charles Howard, Earl of Nottingham und Lord Admiral (sein Nachfolger war der Herzog von Buckingham, Lord „Anything"). An den Lord Admiral ist der Brief gerichtet.

<<My good Lorde, the messenger beinge on[e] of the Gromes of the Chamber by whom your Lordship was pleased to send your warrant for wytheringes, havinge faythfully delivered your Lordships lettres unto the partye him selfe, is yesterdaye retourned: reportinge the utter refusall of wytheringes to appeare before your Lordship Sir Iohn Greye undertaking in his behalfe to aunswere the matter unto the Kinge his maiestie, avowinge that what soever hathe bin donne, was donne by his only directions and commaundement, thus much I thought good to signifie unto your Lordship bothe that you might take knowledge of their disobedience unto, and neglect of, your Lordships authoritie: as alsoe to praye you that oute of your honourable disposition to releive he oppresed you woulde take some speedy course in iustice, bothe to chastice this their contempt and alsoe to restore my servaunte to his wife, children, house, and goodes, soe shall they be iustly occasioned to praye to God for the preservation of your honor, and I shall take it as a greate kindenese donne unto my selfe which in my riper yeares I shall not forgett to acknowledge...>>

<<Mein guter Lord, der Bote, ein Kammerherr, durch den es Eurer Lordschaft behagte, die Vorladung für Wytheringe zu schicken, ist, nachdem er Euer Schreiben der betreffenden Partei ordnungsgemäß übergeben hat, gestern zurückgekehrt und hat berichtet,  dass sich Wytheringe strikt geweigert hat, vor Eurer Lordschaft zu erscheinen,  da es Sir John Grey auf sich nimmt, die Sache mit seiner Majestät dem König selbst zu erörtern, wobei er erklärte, dass was immer geschehen sei, es ausschließlich auf seine Anweisung und Befehl zurückgeht. Ich halte es daher für angebracht, Eurer Lordschaft von dieser Missachtung in Kenntnis zu setzen und Euch zu bitten, aus Eurer ehrenwerten Einstellung heraus, den Eingesperrten zu befreien, und zügig rechtliche Schritte einzuleiten, um sowohl deren Verachtung zu bestrafen als auch meinem Diener zu ermöglichen, zu seiner Gattin, seinen Kindern, Haus und Gut zurückzukehren, so dass sie berechtigten Grund haben werden, zu Gott für die Freiwahrung Eurer Ehre zu beten, während ich selbst es als einen großen mir erwiesenen Gefallen betrachten würde, für den ich in meinen reiferen Jahren nicht vergessen würde, mich erkenntlich zu zeigen....>>

War es die Tatsache, dass der Brief an den Lord Admiral gerichtet war, den Professor Nelson auf den drolligen Gedanken brachte, es handelte sich bei Mr. Wytheringe um „weiße Heringe"? Nelson scheint derart von dem Gedanken durchdrungen zu sein, dem 17. Earl of Oxford (inklusive Sohn) jedes mögliche Wort und jede mögliche Tat krumm zu nehmen, dass für andere Gedanken kein Raum mehr blieb, auch nicht für die allereinfachsten. Denn was haben weiße Heringe, heißt: ungeräucherte Heringe, im Wald zu suchen? Nicht mal im Vierwäldersee findet man sie. Und hier nun soll ein weißer Hering sich im Wald herumgetrieben und sich zudem geweigert haben, vor dem Oberrichter des Waldes für den Bereich südlich des Flusses Trent zu erscheinen?? Und gesagt haben, Sir John Grey übernehme alle Verantwortung und werde es schon persönlich beim König richten?   

Nelson schreibt, es sei vollkommen klar (vermutlich nur ihm), dass dies ein Erwachsener geschrieben habe, um ein Kind zu unterhalten. Freundlicherweise kommt er uns beim Verständnis ein ganzes Stück entgegen. „It is necessary to understand that the letter concerns fish called white-herring (here hyphenated to enhance comprehensibility." (S. 432)

 "Um den Brief zu verstehen, ist es  erforderlich zu wissen, dass hier von Fischen die Rede ist, die Weiss-Heringe genannt werden (den Bindestrich habe ich hinzugefügt, um die Verständlichkeit zu erhöhen)."

© Robert Detobel